Das endlose Klischee: Sozialisierung

Es rumort und brodelt in mir. Es muss einfach raus. Wenn ich nicht schreibe, dann explodiert es wohl in mir. Ich bin hässig. Ich habe es satt. Ich möchte, dass es ein für allemal aufhört. Worüber rede ich? Dieses ewige Klischee, dieses unsinnige Gerücht, diese konstante Anschuldigung, dass Kinder, die zu Hause gebildet werden, nicht genügend „sozialisiert“ werden. Hört doch endlich auf damit! Warum? Das kann ich euch genau sagen!

HS und Sozialisierung

Aber zuerst einmal, weshalb dieser aktuelle Drang, genau jetzt über dieses Klischee einen Artikel zu schreiben? Es gab dafür einige Anlässe. Erstens wurde ich vor kurzem von einer Journalistin interviewt und natürlich war dies eine der Hauptfragen: „Wie schauen Sie, dass ihre Kinder genügend soziale Kontakte haben? Sind Sie sicher, dass Sie ihre Kinder nicht abschotten möchten?“ Grrrrr!! Und genau von gesagter Journalistin hörte ich anschliessend gar nichts mehr. Der Artikel wurde wohl doch nicht veröffentlicht, aber ein sozial kompetenter Mensch würde das kurz mitteilen, oder?

Der zweite Anlass war unsere Teilnahme am Skitag unserer Dorfsschule letzte Woche. Unsere Kinder fügten sich ohne Probleme in ihre zugeteilte Gruppe ein, waren beliebt, hatten tolle Gespräche mit den anderen Kindern, lachten und scherzten mit ihnen und der ganze Tag war so gelungen, dass unsere Tochter (und ihre Freundinnen) nicht mit Schnüggu und mir nach Hause fahren wollte, sondern mit den SchülerInnen im Bus. Von Problemen mit ihrer Sozialisierung keine Spur. Im Gegenteil.

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Der dritte Anlass war ein Gespräch mit unserem Pflegejungen, der darüber erzählte, wie seine 9. Klasse ihren jungen Lehrerinnen auf der Nase herumtanzten und sich so mies benahmen, dass ihre Klassenlehrerin damit drohte, mit ihrer Arbeit aufzuhören. Sorry, aber DAS möchte ich nicht, dass meine Kinder von anderen lernen! Ich erziehe sie so, dass sie Autoritätspersonen wie Trainer, Musiklehrer, Eltern, Grosseltern, Leiter und allgemein älteren Personen Respekt und Anerkennung zeigen. Das gehört für mich auch zur Sozialisierung, nicht nur die stundenlange Gegenwart in einem gemeinsamen Raum mit Gleichaltrigen.

Der vierte Anlass war eine Nachricht von einer Freundin, die erzählte, dass in der Klasse ihres Sohnes ein Jugendlicher mehrere Tage verschwunden war und alle bereits das Schlimmste befürchteten, als er zum Glück unversehrt wieder auftauchte. Dieser Junge wurde in seiner Schule brutal gemobbt und hielt es verständlicherweise nicht mehr aus. Sorry, aber ich möchte auch nicht, dass meine Kinder eine solche Art von Sozialisierung lernen oder persönlich erfahren! Ich versuche sie so zu erziehen, dass sie allen Menschen gegenüber mit einer offenen, freundlichen, respektvollen, hilfsbereiten Haltung gegenüber treten, nicht nur Gleichaltrigen, die einen ähnlichen Hintergrund wie sie haben, sondern auch Jüngere, Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit einer anderen Religion oder Weltanschauung, Menschen mit Behinderungen, Menschen aus anderen Kulturen, allen Menschen!

Wie ist es nun also mit der Sozialisierung und Homeschooling?

Eigentlich ist das Wort „Homeschooling“ oder „Bildung zu Hause“ ein irrtümlicher Begriff. Wir verbringen unsere Tage bei weitem nicht bloss zu Hause. Tatsache ist, dass wir nur an sehr wenigen Tagen einfach nur zu Hause sind. Und den meisten anderen Homeschool-Familien, die wir kennen, geht es gleich wie uns. Unsere Kinder treffen sich fast täglich mit anderen Kindern in ihren Sportvereinen oder im Orchester. Ausserdem spielen auch sie gerne auf dem Schulplatz mit anderen Kindern Fussball oder Unihockey. Schnüseli hat viele Freundinnen aus ganz verschiedenen Bereichen, mit denen sie sehr gerne abmacht (wenn dann die Schülerinnen mal nicht in der Schule sind…). Sie gehen auch gerne in Fussball- oder Musicallager, wo sie regelmässig zu den beliebtesten Kindern gehören und v.a. Schnüseli immer mit neuen, andauernden Freundschaften nach Hause kommt.

Auch treffen wir uns regelmässig auf Exkursionen und für Workshops mit anderen Homeschool-Familien, wo unsere Kinder mit jüngeren und auch älteren Kindern Kontakt haben und Zeit verbringen. Dies bedeutet, dass sie von den grösseren Kindern und ihrem Verhalten lernen können und Geduld und Reife entwickeln können, indem sie mit jüngeren Kindern umgehen.

Sozialisierung durch erwachsene Vorbilder

Kinder sind natürliche Nachahmer und ein grosser Teil ihrer Charakterentwicklung kommt von der Imitation. Es kann für Kinder eine gute Erfahrung sein, in einer Klassenumgebung zu lernen zu verhandeln und andere Kinder zu imitieren, doch es ist noch viel wichtiger, dass Kinder von sozial reifen Erwachsenen lernen. Am Besten lernen Kinder soziale Kompetenzen von ihren Eltern. Homeschool-Kinder haben oft viel mehr Kontakt mit Erwachsenen im täglichen Leben, die einen grundlegenden, hoffentlich in den meisten Fällen, positiven Einfluss auf die Sozialisierung der Kinder haben.

Was ist denn eigentlich das Ziel der Sozialisierung?

Weshalb möchten wir überhaupt, dass unsere Kinder sozial kompetent sind? Ist es nicht, damit sie im echten Leben einen positiven Beitrag machen können, gute Mitarbeiter, Angestellte und Vorgesetzte, Kollegen und Freunde sind? Freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit, respektvoll und zuverlässig? Das heisst, die Sozialisierung der Kinder sollte sie auf das echte Leben nach der Schule vorbereiten. Sie sollten lernen, mit Menschen jeden Alters, jeder Rasse und von jedem Hintergrund umzugehen. Nun, wie können sich Kinder in einer künstlichen Umgebung von 7-8 Stunden pro Tag mit Gleichaltrigen auf das Leben danach vorbereiten? Wo sonst gibt es im echten Leben so eine Konstellation? Wo im echten Leben verbringen Erwachsene 7-8 Stunden pro Tag jahrelang immer mit den gleichen Gleichaltrigen? Werden Kinder nicht viel besser auf das echte Leben vorbereitet, wenn das echte Leben ein grosser Teil ihrer Bildung ist und sie viel Zeit im in der realen Gesellschaft verbringen? Werden Kinder nicht sogar besser sozialisiert, wenn sie viel Zeit in der echten Gesellschaft verbringen?

Wie können soziale Kompetenzen sich überhaupt entwickeln?

Und noch eine Frage… Wie können Kinder soziale Kompetenzen entwickeln, wenn sie durch den Gruppendruck Mühe haben, ihr eigenes Selbstbewusstsein zu entwickeln und zu stärken und ihr eigenes Selbstbild von den gleichaltrigen KlassenkollegInnen abhängig machen? Homeschool-Kinder haben oft ein starkes Selbstbewusstsein und zeigen aus diesem Grund oft weniger Verhaltensprobleme als andere Kinder. Das macht sie oft reifer und gibt ihnen bessere Führungskompetenzen als andere Kinder. Viele Lehrmeister, die Homeschool-Kinder als Schnupperlehrlinge kennen lernen, sind begeistert von den Sozialkompetenzen dieser Jugendlichen und bestätigen, dass diese Teenager effektiv als Mitglieder der erwachsenen Gesellschaft funktionieren.

Deshalb plädiere ich dafür, dieses Klischee endgültig abzulegen und zu vergessen. Homeschooling & Sozialisierung sind kein Konflikt. Im Gegenteil. Die meisten Homeschool-Familien geben sich extra Mühe, dass ihre Kinder an vielen verschiedenen sozialen Aktivitäten teilnehmen, im echten Leben, in der natürlichen Gesellschaft, mit ganz viel verschiedenen Menschen, mit einem gestärkten, gesunden Selbstbewusstsein und ohne Gruppendruck. Das sind echte soziale Kompetenzen!

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10 Kommentare

  1. Hoi zämä

    danke für den Artikel.
    Ja, man könnte meinen wir Homeschooler leben alleine auf dem Mond 🙂

    Mein Ältester war 1/2 Jahr im Kindergarten. Dies war sein unsozialstes Halbjahr überhaupt. Deshalb bitte neuen Glaubenssatz bilden. Diese lautet:
    Zu Hause gebildete Kinder sind sehr sozial.

    Bei meinen Kinder fällt mir auch auf, dass sie sehr authentisch sind. Wenn ihnen etwas nicht gefällt oder sie nicht mitmachen wollen, sagen sie das. Sie sind nicht sehr anfällig für Gruppendruck. Und sie können mit den verschiedensten Menschen umgehen. Ich staune immer wieder, wie sie mit Kindern spielen, die sie eben erst kennengelernt haben.

    Liebe Grüsse Eva

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    • Ja, darüber staune ich auch immer wieder. Gerade heute ging unsere Tochter mit einem gleichaltrigen Mädchen shoppen, das sie eben erst in einem Workshop kennen gelernt hat. Sie sind so viel offener für allerlei Freundschaften.

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  2. Genau dieses Gefühl hatte ich letzte Woche auch im Bauch: Ich musste einen Vortrag über Isolation über mich ergehen lassen, um wenige Minuten später dann festzustellen, dass das Kind der „Referentin“ keinen einzigen Freund hat. Und wieso genau soll meine Tochter nun zur Schule gehen, um Freunde zu finden? Sie hat ja schon mehr als genug… Stufe 2 war dann: Aber sie muss doch auch lernen, Konflikte auszutragen. Ähm, sorry, aber das geht auch in der Familie und im Freundeskreis (ja wirklich, das gibt’s doch tatsächlich 😉 ). Schlussendlich hat sich bei mir dann doch aber einfach das gute Gefühl breitgemacht von „meiner Tochter fehlt es nicht an Freunden, sie darf einfach sich selbst sein und muss sich nicht drücken, strecken und messen lassen“.

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    • Manchmal ist es einfach schwierig, es nicht persönlich zu nehmen. Eigentlich zeigen sich in solchen Aussagen die Ängste der Sprechenden.
      Dies ist mir auch schon aufgefallen, wenn ich erzähle, dass meine Kinder nicht zur Schule gehen. Es gibt immer wieder Eltern, die sich dann rechtfertigen, dass sie ihre schicken.
      Doch was für ein Kind und eine Familie stimmt, ist noch lange nicht die Lösung für alle.

      Liebe Grüsse Eva

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      • Genau, ich denke das ist ja das Wichtigste: nicht alles passt für jedes Kind. Kinder (wie auch Erwachsene) sind nicht alle gleich. Es passt nicht ein System für alle. Manche gehen sehr gerne in die Schule und es passt rundherum. Bei anderen geht es halt eben nicht. Wichtig ist, dass Eltern wissen, dass es tatsächlich gute Alternativen gibt, falls es eben im System nicht so rund läuft!

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    • Ja, das mit den Konflikten wird auch oft erwähnt, wobei ich gleicher Meinung bin wie du. Sie lernen zu Hause sehr gut Konflikte auszutragen, ohne Mobbing und Gewalt, dafür dank guten Vorbildern und einem gesunden Selbstbewusstsein.

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  3. bei uns ist es leider tatsächlich nicht so einfach. allerdings nicht wegen dem homeschoolen sonder wegen der schule. sie wurde dort von ihrer klasse so gemobbt, dass hat ringe bis über alle hobbies und andere schüler aus dem schulhaus gezogen. sie kann und will weder zur schule noch zu sportvereinen gehen. die 3 Freundinnen die zu ihr halten haben leider kaum zeit abzumachen wegen der schule, haussufgaben etc. ihr geschwister sind viel jünger und vuel älter. so sitzten wir oft einfach zu zweit daheim, lernen zusammen. es ist schwer sie so verletzt zu sehen, täglich aufbauen zu müssen und ihr zu helfen vertrauen in sich zu gewinnen und sie zu stärken in andere vereine zu gehen und sich auf neue kontakte einzulassen. homeschooling ist hier für uns die absolut rettende lösung. ihr zeit und liebe zu schenken, ihr wieder lernen wer sie ist-nicht das blöde versagende schulopfer sondern ein liebenswerter mensch-das verdanken wir homeschooling. für uns ist also homeschoolen sozusagen die Therapie die es nach und wegen der schule braucht.

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    • Es tut weh, so etwas zu lesen. Es tut mir so leid für deine Tochter. Ja, du hast Recht, Homeschooling kann in gewissen Situation absolut eine notwendige Therapie sein, ein sicherer Hafen und da kommt die sog. Sozialisierung definitiv nicht an erster Stelle! Nur gesunde Menschen können auch auf gesunde Art und Weise mit anderen umgehen. Ich wünsche euch viel Kraft!

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