Interview mit 20 Minuten

Am 27.2.2015 wollte die Zeitung 20 Minuten ein Interview mit uns über unsere Homeschool-Erfahrungen machen. Ich danke Frau Désirée Pomper für die interessanten Fragen und poste meine Antworten hier auf den Blog, damit meine Antworten zu diesen beliebten Fragen über Homeschooling einfach und immer wieder zu lesen sind für alle die es interessiert.

  • Warum unterrichten Sie ihre Kinder zu Hause?

Im Laufe vom ersten Schuljahr entwickelte unsere Tochter leider recht heftige Stresssymptome wie regelmässige Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Hautausschläge, wie auch eine tiefe Angst vor Mathematik und Panik vor Tests. Wir mussten für sie eine alternative Lösung finden. Da wir ziemlich viel Auslanderfahrung haben, war uns der Begriff „Homeschooling“ nicht unbekannt. Jedoch erst als wir erfuhren, dass der Unterricht zu Hause im Kanton Bern mit Bewilligung erlaubt ist, gingen wir diesen Schritt und nun ist sie seit August 2014 zu Hause. Unseren Sohn haben wir erst im Januar 2015 aus dem Kindergarten genommen, weil er halt auch gerne zu Hause sein wollte, und wir als Familie das Gefühl hatten, dass es ihm aus verschiedenen Gründen auch gut tun würde.

  • Geht die Schule, bzw. die Lehrer zu wenig auf die Bedürfnisse von Schülern ein?

Ich bewundere LehrerInnen, die täglich ihr Bestes geben, um 20-30 ganz unterschiedlichen Kindern in einer Klasse den Stoff gemäss Lehrplan beizubringen. Das ist keine einfache Aufgabe! Ich habe etliche Freundinnen, die Lehrerinnen sind, und ich schätze ihr Engagement, trotz dem täglichen Arbeitsstress. Es wird von Kindern gegenwärtig extrem viel verlangt in der Schule. Das liegt am Lehrplan, nicht am Lehrer. Und dank allen finanziellen Kürzungen im Bildungswesen werden Klassen immer grösser und gibt es immer weniger Personal für Sonderfälle wie lernschwache oder ausländische Kinder, die viel mehr Hilfe bräuchten. Das macht die Arbeit von LehrerInnen heutzutage sehr schwierig, finde ich. An unseren Tagesbuben sehe ich welche Bedürfnisse in der Schule nicht erfüllt werden und das meine ich nicht als Vorwurf an ihre LehrerInnen, sondern als grosses Fragezeichen an unsere Politiker und das Schulsystem allgemein, wie es heute ist. Dann frage ich mich manchmal schon, warum gewisse Politiker ihre Zeit und Energie investieren, um zu schauen, dass es bei den paar Hundert Familien in der Schweiz, die Homeschooling machen, alles rechtens zu und her geht. Wäre es nicht viel sinnvoller, statt dessen die Probleme in der Volksschule genauer unter die Lupe zu nehmen und für die Hunderttausende von Kindern, die in die Schule gehen, die richtigen Lösungsansätze zu finden? Weshalb bekommen ausländische Kinder in unserer Gemeinde nur eine Stunde extra Deutsch pro Woche, wenn sie ohne gutes Deutsch kein einziges Fach gut meistern können? Warum bekommen sie keine Hausaufgabenhilfe? Warum werden intelligente, aber etwas langsame Kinder sofort abgeklärt? Warum müssen manche 2.-Klässler 1-2 Stunden pro Tag Hausaufgaben machen? Warum haben Kinder heutzutage kaum mehr Zeit zum Spielen? Das sind alles Fragen, die mich zum Denken bringen und ich wünsche mir, dass die Politiker diese Fragen genauer anschauen würden…

  • Wie sieht der Schulalltag zu Hause aus?

Wir sind ziemlich traditionelle „Homeschooler“, d.h. wir starten unseren Schulalltag um 9 Uhr und lernen bis ca. 11.30-12.00h. In dieser Zeit nehmen wir Fächer wie Deutsch, Mathematik und NMM durch. Da die Kinder ihre Schularbeit ziemlich rasch erledigen, haben wir meistens einen Morgen pro Woche „frei“. Das heisst diesen Morgen widmen wir dem Turnen mit anderen Homeschool-Kindern oder dem Werken im Freizythuus Münsingen oder auch mal einem anderen Treffen oder Lernanlass mit Homeschool-Familien in der Gegend. Am Nachmittag sind mehr die musischen Fächer dran, d.h. die Kinder gehen in die Musikschule, in Sportvereine oder gestalten zu Hause etwas Schönes. Da sie keine Hausaufgaben haben, haben sie viel Zeit zum Abmachen mit anderen Kindern im Dorf oder zum Spielen mit unseren Tageskindern, die drei Mal pro Woche kommen.

  • Inwiefern hat sich das Verhalten ihrer Kinder verändert, seit sie sie zu Hause unterrichten?

Unsere Tochter ist glücklich und ausgeglichen und alle Stresssymptome sind verschwunden. Sie lernt sehr gerne, macht überall begeistert mit. Leider hat sie immer noch etwas Angst vor Mathematik, was bedeutet, dass wir da ganz behutsam vorangehen müssen. Einfach Schritt für Schritt, ohne Druck, sonst blockiert’s bei ihr sehr schnell. Ich hoffe sehr, dass bei ihr irgendwann einmal die Freude an Mathematik zurückkehren wird. Ansonsten verbringt sie viel Zeit mit Malen und Gestalten und liebt es, Klavier zu spielen. Sie ist sehr kreativ und musikalisch. Unser Sohn ist lerngierig und wissensdurstig, liebt Mathematik und Deutsch und möchte einfach alles wissen und erforschen. Er hat seine Lernfreude noch nicht verloren und er lernt eigentlich den ganzen Tag lang, informell, einfach im Alltag und durch seine vielen Fragen.

  • Gibt es zu Hause auch Prüfungen und Noten?

Nein, wir machen keine Prüfungen und geben keine Noten. Das ist auch nicht nötig, da ich ja genau weiss, was die Kinder schon gut können und wo sie noch mehr üben sollten. Unser Sohn macht freiwillig Blitztests am PC, da es ihm Spass macht. Das wäre der reinste Horror für unsere Tochter.

  • Wie lange wollen Sie ihre Kinder zu Hause unterrichten?

Das wissen wir noch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Kinder sicher bis zur 6. Klasse zu Hause unterrichten, zumindest unsere Tochter. Es könnte gut sein, dass unser Sohn dann früher mal zurück in die Schule möchte, vielleicht auch nicht. Wer weiss, vielleicht machen wir ja sogar die Oberstufe zusammen. Ich lass mich überraschen. Es muss aber für die ganze Familie stimmen.

  • Sind Sie kompetent genug, die Kinder zu Hause zu unterrichten? Haben Sie eine pädagogische Ausbildung? Voraussetzungen für Homeschooling in ihrem Kanton?

Wir wohnen im Kanton Bern und brauchen hier eine Lehrperson die uns beim Homeschooling begleitet. Unsere begleitende Lehrperson ist immer für mich da, wenn ich Fragen habe und gibt manchmal auch Tipps betreffend Schulmaterial. Sie ist eine grosse Hilfe und Unterstützung. Unsere Kinder vertrauen ihr und sehen sie gerne, wenn sie uns besucht. Ansonsten glaube ich schon, dass ich kompetent genug bin, meine Kinder in ihrem Lernen zu begleiten. Ich habe zwar keine pädagogische Ausbildung, habe aber viele Jahre als Sozialpädagogin mit Kindern gearbeitet und habe selbst bis zum Masters Niveau studiert.

  • Haben ihre Kinder Kontakt mit anderen Kindern? Kritiker behaupten, die Sozialkompetenz leide…

Gerade in diesem Moment während ich diese Fragen beantworte, kommen allerlei Spielgeräusche aus den Zimmern unserer Kinder, während sie mit unseren drei Tagesbuben spielen, die drei Mal pro Woche kommen. Neben den Tageskindern machen unsere Kinder regelmässig mit Kindern im Dorf ab, treffen sich mindestens dreimal pro Monat mit anderen Homeschool-Kindern, gehen ins Unihockey, ins Geräteturnen und in den Schwimmunterricht, und gehen zweimal pro Monat mit mir in ein Durchgangszentrum für Asylsuchende, um mit den Kindern dort zu spielen. Ich glaube, die Sozialkompetenz sollte deshalb wohl keine Frage sein, oder? Natürlich ist das nicht bei allen Familien gleich, die ihre Kinder selber unterrichten, aber wenn wir uns mit anderen Familien treffen, gehen die Kinder auf eine sehr schöne Art, ohne zu mobben oder zu plagen, miteinander um.

  • Werden die Kinder nicht ausgegrenzt, weil sie keine Schule besuchen?

Ich kann natürlich nicht über alle Homeschool-Kindern reden, aber wir sind sehr dankbar, dass unsere Kinder im Dorf und auch in ihren Sportvereinen ganz und gar nicht ausgegrenzt werden. Sie haben viele FreundInnen, und wir hoffen sehr, dass das auch weiterhin so bleibt.

  • Können Freundschaften, die man über Jahre in der Schule knüpft, auch über Vereinsmitgliedschaften entstehen? Sind die nicht viel weniger intensiv, weil man weniger Zeit zusammen verbringt?

Das finde ich eine schwierige Frage, denn das ist ja ganz individuell. Unsere Kinder haben gute Freundschaften mit Kindern aus dem Dorf, mit denen sie in der Schule bzw. im Kindergarten waren und auch mit Kindern in der Nachbarschaft oder im Verein. Aber vor allem unsere Tochter ist sehr treu und gibt sich Mühe auch mit Freundinnen Kontakt zu behalten, die sie nicht (mehr) regelmässig sieht, entweder weil sie weg gezogen sind oder weil sie irgendwo anders wohnen und sie sie durch die Homeschool-Anlässe kennen gelernt hat. Theoretisch könnten diese Freundschaften ja auch über Jahre gepflegt werden, wie auch eine beste Freundin in der Schule auf einmal wegziehen könnte und die Freundschaft dadurch abgebrochen werden könnte.

  • Wie sind die Reaktionen von aussen auf ihren Entscheid, die Kinder zu Hause zu unterrichten?

Die Reaktionen waren natürlich ganz unterschiedlich, aber durchwegs positiv. Erstaunlicherweise gab es oft als Antwort auf unserer Erklärung weshalb wir uns für diesen Weg entschieden haben viel Verständnis und sogar viel Offenheit über die eigenen Erfahrungen mit der Schule, die leider nicht immer positiv waren. Viele Eltern klagen über gewisse Umstände in der Schule und bewundern unseren Mut, die Kinder rauszunehmen. Andererseits sagen auch viele, dass sie sich Homeschooling nicht zumuten würden und/oder dass sie dafür einfach keine Zeit hätten, da sie arbeiten müssen oder aus anderen Gründen. Hinter unseren Rücken wird sicher auch im Dorf über uns gemunkelt. Am liebsten wäre es uns, wenn diese Personen einfach direkt auf uns zu kommen würden mit ihren Anliegen. Unsere Tür steht auch offen, wenn jemand mal schauen möchte, wie unser Schulalltag so aussieht.

  • Sie schützen ihre Kinder vor der harten Schulwelt. Ist es für ein Kind nicht auch wichtig, mit schwierigen und frustrierenden Situationen lernen umzugehen?

Ja, das ist wirklich wichtig, aber muss das ein 7-jähriges Kind bereits lernen, auch wenn es dabei fast in ein Burnout schlittert (über das haben die Medien vor kurzem ja auch berichtet)? Muss ein Kind das um jeden Preis bereits in der Unterstufe lernen? Ich möchte meine Kinder lieber zuerst in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Sozialkompetenz stärken, damit sie danach mit solchen schwierigen, frustrierenden und stressigen Situationen besser umgehen können.

  • Wie sollen sich Kinder, die vor dem zum Teil harten Schulalltag geschützt wurden, später in der noch härteren Arbeitswelt zurecht finden?

Die harte Arbeitswelt haben auch wir ganz neu kennen gelernt als wir nach mehreren Jahren im Ausland in die Schweiz zurückkamen. Auch für uns Erwachsene war das ein Schock und wir fragen uns, warum die Arbeitswelt in der Schweiz so unmenschlich, hart und unsozial sein muss. Viele Menschen, die normal in der Schule aufgewachsen sind, kommen mit der gegenwärtigen Arbeitssituation in der Schweiz auch nicht mehr klar und immer mehr erleiden ein Burnout. Da hilft also die Schulvorbereitung auch nichts. Wie bereits gesagt hoffe ich, dass ich meine Kinder in ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Sozialkompetenz stärken und ihnen eine lebenslange Lernfreude und ein aktives Engagement mitgeben kann, damit sie später in der Arbeitswelt gut zurecht kommen.

  • Wächst ein Kind, wenn es zu Hause unterrichtet wird, nicht in einer Art Seifenblase auf?

Im Gegenteil! Unsere Kinder werden nicht nur zu Hause unterrichtet. Wir sind viel unterwegs, und sie lernen vieles in ganz verschiedenen Situationen, inkl. den Umgang mit ganz verschiedenen Menschen in jedem Alter und mit jedem Hintergrund. Die regelmässigen Besuche im Durchgangszentrum für Asylsuchende öffnet ihre Horizonte wie eine gewöhnliche NMM-Stunde in der Schule niemals könnte. Der Druck, den unsere Tochter im Geräteturnen und vor allem in den Wettkämpfen spürt, hilft ihr durch ihre Liebe zum Sport auf natürliche Weise zu lernen, wie sie damit und auch mit (wohlgemeinter) Kritik umgehen kann. Ich sperre meine Kinder nicht 7-8 Stunden pro Tag zu Hause ein und halte sie nicht von anderen Kindern fern. Natürlich ist nicht jede Homeschool-Familie gleich, aber bei uns ist die Türe immer offen und an mindestens fünf Tagen in der Woche gehen etliche Schulkinder bei uns ein und aus, zum Mittagstisch, zur Hausaufgabenhilfe, zum Spielen usw. Da würde ich mir mehr Sorgen über die Kinder machen, die nach der Schule alleine zu Hause sitzen und warten bis ihre Eltern von der Arbeit zurückkommen.

 

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