Sozialisation durch Gleichaltrige

Vor ein paar Tagen war Homeschooling wieder einmal auf der vordersten Seite einer grossen, schweizweiten Tageszeitung. Es ging darum, dass SP-Nationalrat Adrian Wüthrich diese Woche eine Motion im Parlament einreichen möchte, in der er nationale Regeln fordert. Er ist besorgt über den Boom von Homeschooling in manchen Kantonen und möchte, dass der Bund jetzt eingreift und die Bildungshoheit der Kantone beschneidet, indem nationale Mindestanforderungen die Regel werden.

Statt darüber nachzudenken, warum sich die Anzahl der zu Hause gebildeten Kinder in manchen Kantonen in den letzten fünf Jahren verdoppelt oder sogar verdreifacht hat (und wie steht es mit den Kindern in Privatschulen?) und ob das eventuell einen Zusammenhang mit der Unzufriedenheit von Eltern gegenüber dem heutigen Schulsystem hat, zeigen sich elf Bildungsdirektionen in einer Umfrage besorgt wegen was wohl? Wegen dem Bildungsniveau? Nein! Die Zürcher Bildungsdirektion hält fest, dass die grosse Mehrheit der privat unterrichteten Kinder „gute schulische Leistungen“ erbringe, heisst es im besagten Artikel.

Um was machen sich denn der Nationalrat Wüthrich und die Bildungsdirektionen wohl Sorgen? Ihr dürft nur einmal raten!

Zitat aus dem Artikel: „Elf Bildungsdirektionen zeigen sich in der Umfrage besorgt wegen der sozialen Integration. «Beim Privatunterricht bestehen klare Nachteile, da die Volksschule neben den fachlichen auch soziale Kompetenzen vermitteln soll – das geht in einer Gruppe besser als im Einzelunterricht», heisst es in Luzern, Stücklins Wohnkanton. Für die Schwyzer Behörden ist die Integration in den Klassenverband «oberste Prämisse, um den Sozialkompetenzen gerecht zu werden».“

Classroom
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Also sind wir wieder beim ewigen Klischeethema: die Sozialisation. Nach wie vor sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass Kinder nur in gleichaltrigen Gruppen die richtigen Sozialkompetenzen entwickeln und genügend sozialisiert werden.

Nun gut, schauen wir einmal Kindergruppen an, die sich NUR mit Gleichaltrigen abgeben. Die gibt es nämlich. Und ich habe zufällig sehr viel Erfahrung in der Arbeit mit solchen Kindergruppen. Jahrelang habe ich mit Strassen- und Waisenkindern auf vier verschiedenen Kontinenten gearbeitet. Strassenkinder bilden zusammen eine Ersatzfamilie, um auf der Strasse bessere Überlebenschancen zu haben. 24/7 sind sie nur miteinander unterwegs, ein paar Jüngere, ein paar Ältere (die die Jüngeren missbrauchen), aber im Grossen und Ganzen alles Gleichaltrige, ohne erwachsene Bezugspersonen.

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Auch in staatlichen Waisenhäusern auf der ganzen Welt machte ich die gleiche Erfahrung: Kinder wurden in gleichaltrige Gruppen aufgeteilt und waren sich im Grossen und Ganzen selbst überlassen. Es galt das Recht des Stärkeren und die paar wenige Betreuerinnen waren schlichtweg überfordert mit der Versorgung der vielen Kinder in ihrer Obhut. Sie schauten, dass die Kinder mehr oder weniger zu Essen hatten und sauber waren, aber für mehr hatten sie keine Zeit oder Energie.

Nun… die Gesellschaft würde diese Kinder ja nicht unbedingt als sozialkompetent und sozialisiert betrachten, oder? Nein, ich auch nicht. In meiner Arbeit mit diesen Kindern (und später v.a. auch mit solchen Jugendlichen) musste ich immer wieder die Erfahrung machen, dass die Kinder grosse Defizite aufzeigten, was ihre Sozialkompetenz anging. Sie wussten schlichtweg nicht, wie man sich als normales, angenehmes, hilfreiches, freundliches Mitglied in der Gesellschaft bewegen sollte. Sie mussten vieles mühsam erlernen und manches war irreparabel geschädigt. Die meisten Kinder zeigten Symptome einer Bindungsstörung und lebten mit unverarbeiteten Traumas. Manche waren gewalttätig, wurden kriminell und zu Missbrauchern. Vertrauen konnte keines der Kinder mehr richtig.

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Was ist denn der Unterschied zwischen diesen Kindern, die in gleichaltrigen Gruppen aufgewachsen sind, und Kindern in unserer Gesellschaft, die in die Schule gehen? Was macht der Unterschied aus? Sind es die Gleichaltrigen? Warum entwickeln sich unsere Kinder normalerweise als sozialkompetenter als Strassen- oder Waisenkinder?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass der Unterschied die erwachsenen Bezugspersonen im Leben der Kinder sind. Das merkte ich immer wieder, zum Beispiel in Gruppenheimen, wo die Waisen- oder auch ehemaligen Strassenkinder in einer kleinen Gruppe mit erwachsenen Bezugspersonen lebten. Diese Kinder waren ganz anders als die Kinder auf der Strasse oder in staatlich geführten, grossen Waisenheimen.

Auch unsere Kinder in der Schule werden von ihren Lehrpersonen geprägt und natürlich zum grössten Teil von ihren Eltern zu Hause, auch wenn sie 4-7 Stunden pro Tag in der Schule verbringen. Der grosse Unterschied sind die Erwachsenen! Nicht die Gleichaltrigen!

Überlassen wir unsere Kinder anderen Kindern, und sie werden nicht sozialkompetent. Sorgen wir dafür, dass die Kinder reife, liebevolle, weise, geduldige erwachsene Bezugspersonen haben, und sie werden zu mündigen, hilfreichen, kompetenten, angenehmen Erwachsenen, die zu unserer Gesellschaft etwas beitragen.

Mein Fazit: Kinder können sehr wohl Sozialkompetenzen entwickeln, wenn sie zu Hause von ihren Eltern unterrichtet werden. ALLE Kinder profitieren ja vor allem und hauptsächlich von ihrer Beziehung mit Erwachsenen, NICHT von ihrer Beziehung mit Kindern. Das heisst nicht, dass Homeschool-Familien ihre Kinder von anderen Kindern abschotten. Wir wissen ja, dass Kinder nun einfach mal gerne mit anderen Kindern zusammen sind. Immer nur mit Erwachsenen zu sein, wird vielleicht auch mal langweilig. Es ist auch sicher wichtig für die Kinder, und vor allem für Jugendliche, sich im Kontakt mit anderen Kindern und Jugendlichen langsam an die Selbständigkeit heranzutasten. Doch auch Jugendliche brauchen ihre Eltern noch, auch wenn sie das vielleicht nicht mehr gerne zugeben. Das merke ich immer wieder an unserem 15-jährigen Pflegesohn! Das eine widerspricht ja nicht das andere. Aber das Wichtigste im Leben eines Kindes sind liebevolle erwachsene Bezugspersonen, nicht die Gleichaltrigen. Das zeigt sich im Beispiel der Strassen- und Waisenkinder ganz deutlich.

Ironisch fand ich übrigens, dass am gleichen Tag als in der Zeitung über mangelnde Sozialkompetenz der privatunterrichteten Kinder berichtet wurde, die Migros Zeitung einen achtseitigen Artikel mit Erfahrungsberichten von erwachsenen Personen veröffentlichte, die in der Schule auf schlimmste Weise gemobbt wurden und noch heute darunter leiden. So viel über Sozialkompetenzentwicklung unter Gleichaltrigen….

Was auch noch interessieren könnte: Das endlose Klischee: Sozialisierung

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