Fortsetzung Erfahrungsbericht von Familie G.

Hier ist der spannende zweite Teil des Erfahrungsberichts der Familie G.

Was ist aus den Kindern geworden?

Ab der 11. Klasse (das dritte High School Jahr in Amerika) konnten die drei Teenager jeweils bereits Kurse im örtlichen Community College belegen. Dies wurde dann ihre Haupttätigkeit. Nach zwei Jahren im Community College, also am Schluss der High School, hatten sie bereits einen College „Associates“ Abschluss. „Erinnerungswürdig war, wie sie den Eintritt ins College wegsteckten. Sie erinnerten uns an Rennautos, die auf den Startschuss warteten. Sie bestanden ihre Prüfungen beim ersten Durchgang,“ erinnert sich Sonja. Somit waren die letzten Jahre des „Homeschooling“ vollkommen geprägt vom eigenständigen Lernen. Die Jugendlichen organisierten sich selbst.

Im Frühjahr 2011 zogen die drei Geschwister zusammen in die Schweiz, weil ihr Visum mit 21 Jahren ungültig wurde. Sie bewältigten den Start in einem für sie unbekannten Land und einer fremden Kultur als Auslandschweizer. Dies war nicht immer einfach, aber sie schafften es. Die älteste Tochter war fünf Jahre bei Swiss als Flugbegleiterin und wechselte danach zu Privatjets. Dort ist sie als einzige Flugbegleiterin verantwortlich für die gesamte Logistik und den Service. Sie spielt Klavier und schreibt gerne. Der Sohn absolvierte an einer Fachhochschule in der Schweiz seinen BSc in Nursing (Pflege), leistete seinen Militärdienst und war Unteroffizier. 2018 zog er nach Irland, wo er im Operationssaal arbeitet. Diesen Sommer wird er heiraten. Er spielt Gitarre und ist ein geborener Teamleader. Die jüngste Tochter hat an der Höheren Fachschule Pflegefachfrau studiert und arbeitet seit fünf Jahren bei der Spitex. Sie wird im Herbst heiraten und nach England ziehen. Sie spielt Klavier und malt gerne Aquarell.

Fazit

In all den Jahren, in denen sie ihre Kinder selber unterrichtete, lernte Sonja, dass „lernen“ und „spielen“ zusammengehören und nicht als getrennt zu sehen sind, da ein Kind durch spielen, beobachten, fragen, nachmachen und probieren lernt. Auch hat sie gelernt, sich nicht mit anderen Familien und insbesondere Müttern zu vergleichen. Jede/r muss selber herausfinden, welcher Weg für die Familie passt, wie es für die Familie gut geht und nicht einfach andere zu kopieren. Ideen kann man natürlich immer sammeln, aber diese müssen für die Familie angepasst werden.

„‚Lernen‘ und ’spielen‘ gehören zusammen und sind nicht als getrennt zu sehen.“

„Ich habe gelernt, dass es darum geht, den pädagogisch günstigen Moment zu nutzen,“ erklärt Sonja. „Dieser ergibt sich, wenn das Kind Fragen stellt oder anders seine Bereitschaft signalisiert.“ Sie hat auch gelernt, auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen: „Als Elternteil weisst du, wo das Kind steht. Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass jedes Kind eine besondere Begabung hat. Diese gilt es als Eltern zu erkennen und zu fördern, denn darin wird das Kind später glänzen und ohne Mühe sich perfektionieren. Die Bereiche, die einem Kind nicht liegen, darin kann es sich zwar verbessern, aber mit Mühe und es wird dies, wenn es erwachsen ist, auch nicht gross weiterverfolgen.“

Homeschooling in den Worten der Kinder

Tochter (29): „Was ich besonders am Homeschooling schätze ist die Tatsache, dass ich mich an eine ausgefüllte, lange, freie Kindheit erinnere statt an ein Klassenzimmer. Ich erinnere mich an jahrelanger Zeit, um auf dem Sofa zu lesen, mit den Tieren Zeit zu verbringen, zu sehen wie Küken schlüpfen und Kitzen geboren werden, draussen Sachen zu bauen, kreativ zu sein, in einer tollen Umgebung zu lernen, tolle Projekte zu machen, mit dem Mikroskop Brot und Gras anzusehen, der 4H-Club. So viele tolle Erfahrungen!

„Ich erinnere mich an eine ausgefüllte, lange, freie Kindheit statt an ein Klassenzimmer.“

Ich fühlte keinerlei Nachteile zu den anderen im College. Ich liebte College und hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich mit anderen anzufreunden. Homeschooling half mir sehr im späteren Leben: ich hatte gelernt, meine Meinung zu äussern und mit Menschen in jeder Altersgruppe zu reden. Ich hatte ein gesundes Selbstbewusstsein, weil ich nie gemobbt wurde. Ich liebe es immer noch zu lernen und Sachen zu entdecken. Ich denke dafür ist Homeschooling wirklich gut. Auch glaube ich, dass Homeschooling dir hilft, anders zu denken als andere und deine Gedanken frei zu lassen. Ich habe keine Angst zu fragen, wie man etwas noch auf andere Art machen könnte.“

Sohn (28): „Ich schätzte die letzten Jahre im Homeschooling ganz besonders. Es war schön, unterstützt zu werden in allem wofür ich mich interessierte. Ich mochte die Anfangslektionen nicht so sehr, besonders das „Schönschreiben“ üben, aber die Geschichtslektionen waren toll. Ich habe nie einen Nachteil gespürt gegenüber den anderen im College. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, das Homeschooling der Grund war, weswegen ich mehr lernen wollte und College war nicht viel schwieriger als Homeschooling. Ich hatte im Homeschooling auch gelernt zu lesen und hatte ein gutes Textverständnis entwickelt. Wenn ich mal Kinder habe, dann möchte ich auch, dass sie lernen können, was sie interessiert, wenn sie mal lesen können. Es macht doch keinen Sinn, stundenlang etwas zu lernen, was sie nicht interessiert… und was sie auch gar nicht brauchen werden…“

Tochter (26): „Ich genoss meine freie Kindheit sehr. Ich konnte einfach Kind sein und hatte so viel Zeit, um zu spielen. Keinen fixen Zeitplan, keinen Prüfungsdruck, kein Mobbing. Die Geschichtslektionen mit Mutter waren toll. Und der 4H-Club auch. Ich fühlte nie einen Nachteil im College, auch wenn ich vorher noch nie in der öffentlichen Schule gewesen war. Ich war sogar oft gelangweilt. Sogar in der Höheren Fachschule in der Schweiz war mir manchmal langweilig, weil ich die Materie schnell verstand und dann trotzdem dort sitzen bleiben musste bis die Klasse vorbei war – Zeitverschwendung. Also bin ich froh, dass ich in meiner Kindheit und Jugend alles in meiner eigenen Geschwindigkeit lernen konnte und so vieles tun konnte statt die ganze Zeit im Klassenzimmer zu sitzen. Ich würde meine eigenen Kinder auch gerne homeschoolen oder ganz frei lernen lassen.“

Sonjas Rat an Homeschooling Eltern oder Interessierte

„Ich möchte alle zu diesem Schritt ermutigen. Es ist die Gelegenheit, die Kindheit und Teenagerjahre eurer Kinder ganzheitlich mitzuerleben und ihr könnt einen wichtigen Teil in ihrem Leben erfüllen. Kinder können in dem sicheren Umfeld und der Geborgenheit ihrer Eltern heranreifen und zwar so, wie sie es individuell brauchen. Das festigt sie und sie können sich selbstbewusst entwickeln, ohne durch Noten definiert zu werden oder dem Gruppendruck ausgesetzt zu sein. Seid euch sicher, sie lernen auf diese Art und Weise mehr und nachhaltiger.

„Kinder können in dem sicheren Umfeld und der Geborgenheit ihrer Eltern heranreifen und zwar so, wie sie es individuell brauchen.“

Homeschool-Familien, tut euch zusammen. Gemeinsam seid ihr stark! Networking ist in der hiesigen Situation besonders wichtig. Trefft euch zur Unterstützung und zum Austausch für euch und eure Kinder. Versucht bei den Treffen einen neutralen Boden zu schaffen, dass alle die kommen, mitmachen und sich wohlfühlen. Die verschiedenen Ansichten, warum ihr homeschoolt, sollten nicht im Vordergrund stehen. Ich bewundere, dass es immer mehr Familien hier wagen, obwohl es von den Auflagen und den Reaktionen der Mitbürger her schwieriger ist als in den USA.“

Hast du den ersten Teil verpasst? Hier kannst du ihn lesen.

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