Homeschooling in COVID-19 Zeiten vs. in normalen Zeiten

Überall in den Medien wird jetzt über Homeschooling geschrieben und gesprochen. Auf einmal ist unsere Randbewegung die Realität von Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt. Auf einmal macht jede Familie ganz persönlich ihre Erfahrungen mit dem Heimunterricht der Kinder. Doch eines möchte ich hier ganz klar festlegen: Homeschooling während der COVID-19 Krise lässt sich nicht mit dem Homeschooling in normalen Zeiten vergleichen.

Ein grosser Unterschied ist natürlich, dass ihr Eltern, die jetzt gezwungenermassen mit dem Unterricht zu Hause anfangen musstet, (hoffentlich) von den Lehrpersonen eurer öffentlichen Schule unterstützt und angeleitet werdet; dass ihr eure Lehrmittel und Ressourcen nicht selber aussuchen müsst; dass alles Material gratis zur Verfügung steht; dass ihr euch nicht mit dem Lehrplan auseinander setzen müsst und dass ihr das Lernen nicht auf die Länge planen müsst, denn hoffentlich können die Kinder ja spätestens im August wieder ganz normal zur Schule.

Der zweite grosse Unterschied ist, dass es jetzt ausnahmsweise keine besondere Bewilligung braucht, die eben für die meisten von uns „Vollzeit-Homeschooler“ unabdinglich ist und ohne die wir unsere Kinder nicht zu Hause unterrichten dürfen. Was manchen Homeschool-Familien in bestimmten Kantonen und Ländern (Deutschland!) viele Tränen, Sorgen, einen sehr langen Atem und viel Mühe und Frustration (und Geld!) abverlangt, ist nun plötzlich legal und offiziell möglich, weil die Regierung das so angeordnet hat. Auch müssen wir „normale“ Homeschool-Familien neben einer Jahresplanung (z.T. sogar Wochenplanungen) am Anfang des Schuljahres, Ende Mai auch einen Jahresbericht abgeben. Damit werden wir uns in den nächsten Wochen intensiv beschäftigen. Das fällt natürlich bei euch anderen weg.

Was manchen Homeschool-Familien in bestimmten Kantonen und Ländern (Deutschland!) viele Tränen, Sorgen, einen sehr langen Atem und viel Mühe und Frustration (und Geld!) abverlangt, ist nun plötzlich legal und offiziell möglich.

Der dritte grosse Unterschied ist, dass Homeschool-Kinder grösstenteils selbstbestimmt unterwegs sind. Klar müssen wir uns auch an den Lehrplan halten, aber das Kind kann an einem Tag auch mal etwas länger Mathematik machen oder programmieren lernen und dafür an einem anderen Tag mehr Französisch machen. Es gibt keine Abgabezeiten oder -daten und die Lernthemen sind flexibel. Wenn heute das Bruchrechnen nicht in den Kopf geht, machen wir halt Geometrie und probieren das mit den Brüchen einen Monat später.

Der vierte und für mich grösste Unterschied ist, dass wir in normalen Zeiten durchaus sehr sozial unterwegs sind. Bitte denkt jetzt nicht, dass Homeschooling tatsächlich so einsam ist, wie ihr es in den nächsten Wochen krisenbedingt erleben werdet. Auch wir trauern um etliche abgesagte Exkursionen, die wir gemeinsam geplant hatten. Heute wären wir zum Beispiel ins Technorama gegangen, wo wir zwei Workshops in den Fächern Biologie und Chemie gebucht hatten. Ende März hätten zwei Führungen in Museen stattgefunden. Am 1. April wären wir in die Berner Unterwelt mit dem Tiefbauamt gegangen. Und was mich persönlich am meisten schmerzt, ist, dass gerade heute Roche schrieb, dass unser heiss begehrter und sehnlichst erwarteter Workshop im Experio Labor abgesagt wurde. Ich hatte monatelang versucht, so einen Platz zu ergattern, und immer war er am Aufschalttag der neuen Buchungen schon um 7 Uhr morgens ausgebucht.

Auch unsere Kinder vermissen ihre Homeschool-Kollegen und -Kolleginnen. Ja, schulisch gesehen ändert sich für uns in dieser Krise eigentlich kaum etwas (ausser, dass die meisten Familien ihren mühsam erstellten Jahresplan jetzt wohl über den Haufen geworfen haben und stattdessen aktuell mit den Kindern über Viren/Bakterien, Epidemien/Pandemien lernen). Aber auch für uns ist der Heimunterricht während der Corona-Krise gänzlich anders als während normalen Zeiten. Denn normalerweise findet der Heimunterricht nicht wie jetzt ausschliesslich zu Hause statt, sondern eben unterwegs mit Freunden und Freundinnen. Aus diesem Grund tun sich jetzt einige Homeschool-Familien zusammen, um es den Kindern mittels moderner Technologie trotzdem zu ermöglichen, zusammen zu lernen oder gemeinsam gewisse Themen zu diskutieren.

Wir hoffen, dass euch die nächsten Wochen einen durchaus positiven Einblick in das nicht ganz alltägliche Leben ganz normaler Homeschool-Familien gibt und dass wir dadurch, wenn das Ganze vorbei ist, vielleicht weniger ge(ver-)urteilt werden. Vergesst dabei aber nicht, dass eure jetzige Erfahrung sich nicht wirklich mit unserer Erfahrung vergleichen lässt. Was ihr jetzt Zuhause erlebt ist Fernunterricht und nicht unbedingt Homeschooling.

Trotzdem – falls ihr Mühe habt mit der neuen Situation, unterstützen wir euch sehr gerne mit konkreten Hilfestellungen. Meldet euch!

4 Kommentare

  1. Also ich weiss nicht ob jetzt der richtige Augenblick ist für dieses Gejammere. Den wer Homeschooling macht tut dies ja meist aus Überzeugung und weil er es so möchte. Er wird nicht dazu gezwungen. Genau so aus Überzeugung (oder weil wir es so möchten) schicken viele ihre Kinder in die öffentliche Schule. Und werden jetzt gezwungen Homeschooling zu machen. Nicht aus Überzeugung und weil sie es wollen. Es öffnet neue Perspektiven und Chancen, das ist durchaus so. Aber es kann auch eine grosse Herausforderung und für viele eine Überforderung sein. Ihr habt euch mit dem Homeschooling (hoffentlich) auseinandergesetzt bevor ihr den Schritt gewagt und gemacht habt, euch Vorbereitet und langsam ein Netzwerk aufgebaut. Ich finde das auch echt bewundernswert. Diese Möglichkeit haben wir nicht. Wir müssen von einem Tag auf den anderen auf Homeschooling umstellen. Und auf Homeoffice. Beides zusammen. Und das unter nicht entspannten Umständen. Nun ist viel Solidarität gefragt und daher bedanke ich mich ganz herzlich für eure Unterstützung. Aber diesen Artikel finde ich unnötig und ärgerlich.

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    • Liebe Diana, mir war bewusst, dass dieser Artikel etwas kontroversiell war. Und trotzdem ist es mir ein Anliegen aufzuzeigen, dass es mehrere grosse Unterschiede gibt zwischen dem Heimunterricht in solchen Krisenzeiten und dem Heimunterricht in normalen Zeiten. Das soll nicht ein „Gejammer“ sein, wie du es nennst, sondern ein ehrlicher Faktencheck wie Homeschooling sonst aussieht, d.h. insbesondere für diejenigen in Kantonen und Ländern, wo Homeschooling unter keinen Umständen zugelassen wird, sprich: eben doch: nur in globalen Notzuständen. Das möchten wir schon seit längerem verändern, eben genau weil wir davon überzeugt sind, dass Homeschooling für bestimmte Kinder und Familien das Richtige ist (versteh mich richtig: wir sagen nicht für alle!!).

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  2. Danke, ich finde diesen Faktencheck sehr realistisch und hilfreich. Wir prüfen den Gedanken zum Homeschoolen unserer 12-jährigen Tochter schon seit längerem und hatten uns kurz vor Ausbruch der Coronakrise dazu entschieden, ab Sommer 2020 damit anzufangen (ihr Vater ist Oberstufenlehrer, was es rechtlich ziemlich erleichtert). Jetzt haben wir unvermutet die Gelegenheit, den Homeschool-Alltag schon mal zu testen…
    Deine Gegenüberstellung lässt uns die Möglichkeiten und Ressourcen realistischer einschätzen.
    Es wäre wirklich zu hoffen, dass diese Krise den Schulsystem-Glaube etwas in Frage stellt und alternativen Unterrichtsformen „legitimiert“ würden. Dazu gehört dann auch die Bereitstellung von Lehrmittel und Lernstrukturen für ALLE Schulformen! Ich verstehe wirklich nicht, weshalb da bei Homeschooling (oder auch Privatschulen) alles selber zusammengesucht und bezahlt werden muss – es sind ja auch eure Steuergelder..!

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    • Liebe Katja, nimm doch per Kontaktformular mit mir Kontakt auf. Ich habe eine 13-jährige Tochter und vielleicht können sie sich ja mal schreiben und kann deine Tochter ihr Fragen stellen! Wir wohnen ja auch ziemlich in der Nähe, falls wir dann mal kein Social Distancing mehr machen müssen! 🙂 Wir haben auch eine tolle Oberstufen-Homeschool-Gruppe, die es echt gut haben miteinander. Und ja, mit deiner Meinung bin ich natürlich ganz einverstanden. Wir hoffen sehr, dass die Behörden in allen Kantonen (und auch in Deutschalnd!) jetzt sehen, dass Homeschooling auch eine legitime Alternative zur öffentlichen Schule ist und die Schulen z.T. auch entlastet.

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