Wenn die Kinder nicht motiviert sind

Vor kurzem bekam ich folgende Anfrage einer Homeschooling-Mutter: „Im Moment ist es gerade nicht so einfach. Ich bin recht traurig über die Beziehung zwischen mir und meinem 9-jährigen Sohn. Er möchte nur das machen, was er möchte und sonst rebelliert er und macht es einfach nicht. Ich werde dann wütend. Es ist nicht jeden Tag so, aber oft. Ich habe Angst, dass durch das Homeschooling unsere Beziehung kaputt gemacht wird. Hat mir jemand einen Rat oder habt ihr das auch schon erlebt? Was habt ihr da gemacht?“

Ich postete diese Frage anonym in unsere Facebook-Gruppe und es gab über 100 Kommentare. Daraufhin organisierte ich eine interessante Austauschrunde via Zoom über dieses Thema und sprachen wir mehr als zwei Stunden darüber. Das Thema ist vielleicht etwas tabu, jedoch durchaus lebensnah unter Homeschooling-Familien. Homeschooling ist nämlich nicht immer nur ein Zuckerschlecken. Auch Homeschooling-Kinder mögen manchmal einfach nicht. Auch Homeschooling-Kinder haben manchmal null Bock und weigern sich. Auch Homeschooling-Eltern verlieren manchmal die Nerven und es gibt Streit.

Da dies bei vielen Familien kein fremdes Thema ist, gab es umso mehr Tipps, Anregungen und Ideen, wie eine Familie mit solchen Situationen umgehen könnte. Ich habe versucht, sie zusammenzufassen:

Das Alter

B.S. erklärte, dass ihre vier Jungs besonders in der Vorpubertät am meisten rebellierten. J.N. bestätigte dies und sagte, dass es bekannt sei, dass 9-/10-Jährige entwicklungstechnisch nicht ganz einfach wären. Solche Phasen können also durchaus altersbedingt sein und können sich etwas später auch wieder beruhigen. Die Pubertät selbst ist natürlich im Homeschooling auch nicht immer einfach, wenn die Jugendlichen sich vermehrt von ihren Eltern abgrenzen möchten. Da braucht es eine Offenheit von Seiten der Eltern, das Gehabte mal etwas zu durchmischen und andere Strukturen anzubieten, zum Beispiel mehr Selbständigkeit oder andere Tageszeiten zum Lernen (eher am Abend als am Morgen?).

Klare Tagesstruktur und Erwartungen

S.B. sagt: „Bei uns ist die Tagesstruktur klar vorgegeben. Wir stehen um sieben Uhr auf, um halb acht sind sie bereit für die Schulaufgaben bis am Mittag. Da gibt es kein Wenn und Aber. Es liegt am homeschoolenden Elternteil, die Struktur vorzugeben und auf deren Einhaltung zu achten. Das entlastet die Kinder und somit letztlich die Beziehung.“ S.R. pflichtet ihr bei: „Er weiss, erst wenn er alles erledigt hat, darf er gamen, Freunde treffen und TV schauen (das sind seine einzigen Prioritäten). Da bin ich mittlerweile auch knallhart geworden, habe auch schon Treffen abgesagt. Je mehr ich bei ihm nachlasse, umso mehr lässt er sich fallen und macht kaum noch irgend etwas, mit Struktur gehts am besten.“ Dazu noch ein anderer Kommentar von H.T.: „Sobald es zu flexibel wird, läuft nicht mehr so viel. Dann brauchen wir wieder eine gemeinsame Sitzung und danach viel Struktur, bis die Kinder (so wie im Moment) wieder ferienreif sind.“ 😀

Klare Kommunikation

„Ich habe die Erfahrung gemacht dass klare Kommunikation enorm wichtig ist,“ sagt N.S. Wünsche sind klar von Erwartungen oder sogar von Forderungen zu trennen. Denn Wünsche bekommt man nicht immer. Aber Forderungen müssen erfüllt werden, da gibt es keine Diskussion. Für beide hat es Platz.

Nicht auf Biegen und Brechen

B.S. schlägt ihren Jungs in Zeiten der Verweigerung eine andere Aktivität vor und bespricht anschliessend, wenn sich alles beruhigt hat, mit ihnen, woher denn das Problem kam und wie das vielleicht geändert werden könnte. Auch ich merke in hitzigen Momenten, dass es nichts bringt, das Tagesprogramm auf Biegen und Brechen durchzuboxen. Aus diesem Grund habe ich immer ein Ersatzprogramm auf Lager (zum Beispiel einen Dokumentarfilm, ein Vorlesebuch oder einen Spaziergang im Wald), um die Gemüter etwas zu beruhigen und in Ruhe darüber zu reden.

Gemeinsames Lernen

M.M. schlägt vor, eine andere Familie zu finden, damit die Kinder gemeinsam lernen können. Das geht übrigens auch online, meint sie. Tatsächlich bockten auch meine Kinder weniger, als wir andere Kinder hier hatten (zum Beispiel während des Lockdowns beim Fernunterricht oder auch als ein anderer Homeschool-Junge regelmässig zu uns kam). Vielleicht hilft es manchen Kindern, wenn sie sehen, wie andere Kinder auch an ihren Aufgaben sind. Ausserdem ist man ja meistens etwas höflicher zur eigenen Mutter, wenn Gäste da sind, oder? 😉

Abgelöscht

Einige Eltern erwähnen, dass ihre Kinder bereits abgelöscht und als Verweigerer aus der Schule kamen. Das wäre eines der Gründe gewesen, weshalb diese Kinder überhaupt aus der Schule genommen wurden. Wie bringt man diese Kinder und Jugendliche wieder dazu, intrinsisch motiviert lernen zu wollen? Eine gewisse Deschooling-Phase wäre hier ideal, aber leider selten realistisch, vor allem im Oberstufenalter. Man sagt, das Deschooling sollte einen Monat für jedes Schuljahr dauern. Das heisst, wenn man ein Kind in der 7. Klasse aus der Schule nimmt, sollte es sieben Monate ganz ohne Druck sein können, keine Vorgaben, kein Zwang. Ausser man entscheidet sich dafür, dass es eine Klasse wiederholt, ist dies eben leider nicht realistisch, da die Schulbehörden sehen möchten, dass der Lehrplan eingehalten wird. Trotzdem ist es wichtig, die Kinder und Jugendliche so viel wie möglich interessenbasiert und exkursionsbasiert lernen zu lassen, in der Hoffnung, dass die Selbstmotivation langsam wieder erwacht. Die erfahrene Homeschool-Mutter, F.W. rät, unmotivierten Jugendlichen eine Aufgabe zu geben: „Zum Beispiel eine Woche oder einen Monat keine Schule. Dafür sind sie verantwortlich nur für Kochen: Menupläne machen, einkaufen, Abrechnung machen, kochen, Küche sauber hinterlassen, etc. Brot backen, Dessert machen, etc.“

Kein Bock oder überfordert?

M.A., die zugleich Lehrperson ist, fand es in unserem Zoom-Austausch noch wichtig zu unterscheiden zwischen Kindern, die einfach keinen Bock haben oder Kindern, die einfach nicht können. Denn wenn Lernschwierigkeiten da sind, können wir noch so lange auf die Motivation und die Entwickling des Kindes warten, doch wird das nicht automatisch kommen. Da braucht es vielleicht tatsächlich eine Abklärung, um eben auch den Druck wegzunehmen und/oder andere Techniken, andere Lehrmittel, Hilfe von aussen, um das Kind auf seinem Niveau wieder motivieren zu können. Manchmal muss man auch den Mut haben, wieder zurück zum Anfang zu gehen, insbesondere im Fach Mathematik, wo es einfach nicht klappt, wenn das Kind Lücken hat (zum Beispiel beim Zehnerübergang). Lücken in Mathematik werden immer grösser und blockieren später komplett. (Da das Thema Mathematik in unserem Zoom-Austausch immer wieder angesprochen wurde, werden wir uns am 2. Februar in einem neuen Zoom-Anruf spezifisch darüber austauschen.) Auch das Thema Motorik wurde angesprochen, da manche Kinder (insbesondere Jungs) rein schon mit dem Schreiben von Hand überfordert sind, weil der Kopf schneller arbeitet als die Hand und das ganz schön frustrieren kann. Auch hier müssen Alternativen gesucht werden, die das Kind nicht überfordern und frustrieren.

Eine Chance

„Da bist du bestimmt nicht alleine. Bei uns gibt es das auch (8 J.). Aber grundsätzlich ist es eine Chance für eure Beziehung. Für mich ist es ein tägliches Lernen. Zwinge ich ihm etwas auf, nur weil ich Stress habe, weil es im Lehrplan steht? Bin ich schon im Voraus genervt, weil ich andere Pläne hatte als ihn zu motivieren und spreche dann nicht mehr gewaltfrei, sondern befehle herum, drohe oder ist es gar ein Machtspiel? Wo kann ich es seine Verantwortung sein lassen und wo nicht?“ schreibt N.S.. Es sei ein Ausloten, was das Kind brauche und was der Elternteil brauche, damit es für alle stimmt. Ein eigenes Hinterfragen ist also auch wichtig. Wo leite ich mein Stress an mein Kind weiter? Wo kann ich loslassen, sowohl den Stress, wie auch Erwartungen, die ich habe oder Verantwortung, die ich fälschlicherweise übernehme?

Druck von aussen

Viele Familien bedauerten, dass der Druck von aussen (sprich: von den Behörden) ein Hauptgrund sei, weshalb es zu Hause zu Konflikten kommt. Wegen zu absolvierenden Tests (zum Beispiel im Kanton Appenzell Ausserrhoden) oder dem Gebot, sich an den Lehrplan zu halten, müssen auch wir Homeschooling-Familien unsere Kinder manchmal dazu zu zwingen, gewisse Inhalte zu lernen, die sie nicht interessieren. Eventuell ist das zu Hause schwieriger als in der Schule, wo alle Kinder das Gleiche lernen, egal ob es sie gerade interessiert oder nicht. Unsere Kinder haben natürlich eh schon sehr viel Freiheit und sehr viel Mitspracherecht in dem, was sie lernen wollen, doch um gewisse Inhalte und Fächer kommen auch sie nicht drum herum. Unser Sohn möchte Informatiker werden. Er wird Französisch nie brauchen. Trotzdem muss er es lernen. Und das tut er gar nicht gern. Und was man nicht gern tut, das tut man auch nicht gut. Dazu sagt N.S., dass für sie es viel verändert hat, als sie sich selber den Druck wegnahm – die Kids in der Schule sind auch nicht alle gleich weit! Sie meint, dass wenn man Lernspuren vorzeigen kann, die Aufsicht sehen kann, dass man dran ist und man den Lernprozess ehrlich aufzeigen kann, die Aufsicht durchaus wohlwollend sein wird. Sie sollten ja zur Genüge wissen, dass nicht alle Kinder gleich sind und es auch in der Schule Kinder gibt, die Mühe haben, gewisse Kompetenzen zu erreichen.

Verantwortung abgeben

„Der Trick ist, ihren Protest zu ihrem eigenen Problem zu machen,“ sagt F.H. Wenn wir uns selber zurücknehmen könnten und es uns in dem Sinn tief im Innern wirklich „egal“ sei, falls die Kinder wieder in die Schule gehen müssten, dann trügen sie selber die Verantwortung für ihr Verhalten, sagt sie weiter. Dies ist natürlich eine Gratwanderung, vor allem bei jüngeren Kindern. Oft können sie die Tragweite ihres Verhaltens noch nicht richtig einschätzen. Verstehen sie denn wirklich, dass, falls sie den Lehrplan nicht erfüllen, wir eventuell die Bewilligung für den Privatunterricht verlieren und sie zurück in die Schule müssen? Ich denke, ab einem gewissen Alter kann man ihnen wirklich diese Verantwortung ein Stück weit übergeben, sicher in der Oberstufe. Ich selber habe gemerkt, dass sie ab der 7./8. Klasse auch so richtig merken, dass sie ja nicht für mich, sondern für sich selber lernen. Aber wie weit ist ihnen das in jüngeren Jahren bewusst? Ich persönlich finde nicht, dass es hilft, immer wieder mit der Rückkehr zur Schule zu drohen. Klar, kann man erklären, dass es halt einfach gewisse Auflagen gibt, die zu erfüllen sind und ihnen dabei auch den Lehrplan zeigen. Das ist allgemein eine gute Idee, denn aus dem Lehrplan 21 lassen sich auch viele Lernideen finden. Und die Kinder lernen ja bekanntlich immer noch am besten und am motiviertesten, wenn sie selber aussuchen können, was sie lernen möchten. „Der Vergleich mit der Schule ist bei uns weniger effizient als die vorgegebenen Kompetenzen. Die sind für sie besser greifbar. Sie können selber sehen, wo sie noch Lücken haben und entsprechend noch lernen müssen,“ sagt dazu F.H.

Die eigene Überzeugung und Motivation

S.H. sagt, dass wenn uns bewusst wird, wie viel wir unseren Kindern ermöglichen mit Homeschooling, dann können wir es auch souverän und gelassen kommunizieren und sogar mit gutem Gewissen von ihnen erwarten, dass auch sie ihren Teil dazu beitragen. Sie daran zu erinnern, wie viel Freiheit und wie viele tolle Erlebnisse sie dank Homeschooling haben, kann helfen, sie wieder neu zu motivieren, um dies nicht verlieren zu müssen.

Geduld

Wenn Homeschooling-Eltern noch nicht geduldige Personen sind, dann werden sie diese Eigenschaft ganz bestimmt durch das Homeschooling lernen! Geduld und Flexibilität. Wir müssen immer wieder bereit sein, unsere Kinder auch wenn es stockt und bockt geduldig zu unterstützen und immer wieder mal etwas anderes auszuprobieren, um herauszufinden, ob das vielleicht besser funktioniert. Wir lernen viel über unsere Kinder, über ihren Charakter, über ihren Lernstil, über ihre Interessen, Stärken, Schwächen. Das braucht also immer wieder die Bereitschaft, sich neu auf das Kind einzulassen und es so zu unterstützen, wie es das in dem Moment gerade braucht.

Sich selber Sorge tragen

Mit fast täglichen Konflikten braucht das Homeschooling (zu) viel Energie. Deshalb findet S.U.: „Sich selber Sorge tragen und innerlich gesund bleiben (oder werden) finde ich als Homeschooling Mutter anspruchsvoll, weil man in dieser Lebensphase so viel Verantwortung trägt (Haushalt, Schule, Freizeit, evtl. anderes). Davon hängt jedoch das Wohlbefinden der ganzen Familie und auch des Homeschoolings ab.“

Habt ihr noch Tipps im Umgang mit unmotivierten Kindern? Was hat bei euch geholfen? Was sind eure Gedanken dazu?

2 Kommentare

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