Homeschoolen? Das könnte ich nie!

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Ich hatte gestern eine sehr interessante und erfreuliche Begegnung mit einer Mutter, deren Sohn mit Schnüseli zusammen fast den ganzen Tag lang mit der Cambridge KEY Prüfung beschäftigt war. Während also unsere Kinder sich mit „Reading and Writing“ und „Listening“ abrackerten, sassen wir gemütlich in einem Café bei strahlendem Sonnenschein und lernten einander kennen. Sie war fasziniert vom Homeschooling und sah, dass das auch für ihre älteste Tochter etwas Gutes wäre, doch sie war überzeugt: „Das könnte ich nie!“

Am gleichen Tag hatte auch mein Mann bei Schnüggus Schülerfussballturnier ein Gespräch mit einer Mutter, deren Sohn Legasthenie und grosse Mühe in der Schule hat, doch auch sie war überzeugt: „Das traue ich mir nicht zu!“

Beide Mütter tolle, engagierte Mütter, und ich möchte sie in diesem Blog keinesfalls kritisieren. Nein, ich möchte sie oder andere nicht einmal davon überzeugen, dass Homeschooling für sie oder ihre Kinder das Richtige wäre. Zu dieser Überzeugung müssen sie selber kommen, wenn es denn auch das Richtige für sie ist. Denn auch ich bin diesen Weg selber gegangen.

Schon vor ein paar Jahrzehnten lernte ich in Amerika mehrere Homeschool-Familien kennen und bewunderte ihr Engagement und die Kreativität in der Bildung dieser Kinder. Später lernte ich in anderen Ländern noch mehr Homeschool-Familien kennen, doch obwohl ich das durchaus toll fand, sagte auch ich jahrelang: „Wow! Das ist toll, aber ich könnte das nie!“ Ja, sogar als wir uns selber als Familie konkret damit auseinander setzten, traute ich mir das absolut nicht zu und hatte grosse Angst, dass ich damit die Zukunft meiner Kinder verbocken würde. Mittlerweile ist diese Angst gänzlich verflogen, und ich möchte hier nun gerne auf diese Aussage „Das könnte ich nie!“ und die Gründe dahinter eingehen.

  1. Ich bin einfach nicht geduldig genug. Ich behaupte, dass wenn du eine Durchschnittsgeduld hast und manchmal frustriert bist wegen den Hausaufgaben, dann könntest du deine Kinder sicher zu Hause unterrichten. Schnüseli war vom Kindergarten bis zur 1. Klasse in der öffentlichen Schule. Ich finde Homeschooling – an den allermeisten Tagen – viel weniger stressig und eine viel kleinere Geduldsprobe als der tägliche Hausaufgabenkampf damals und die täglichen Bemühungen, sie vor und nach Tests wieder zu beruhigen.
  2. Meine Kinder hören mir eh nicht zu. Das ist natürlich ein viel grösseres Problem und geht ja nicht nur Homeschooling an. Es ist eine Erziehungsfrage und ehrlich gesagt, ist es viel einfacher an der Be- und Erziehung zu arbeiten, wenn man den ganzen Tag dafür Zeit hat.
  3. Ich bin nicht gebildet/intelligent genug. Das finde ich immer eine interessante Aussage, denn hast du die öffentliche Schule nicht mindestens mit einem Realabschluss abgeschlossen? Wenn du wirklich nicht glaubst, dass dein Schulabschluss dir genügend Bildung gegeben hat, um deine Kinder zu unterrichten, glaubst du dann, dass die Volksschule deinen Kindern genügend Bildung geben wird? Dabei möchte ich nicht im Geringsten schlecht über die Volksschule reden, denn die unterliegende Wahrheit ist ja, dass es um eine ganz private Unsicherheit geht und es kein geltender Kommentar über die eigene Bildung ist. Doch denk mal darüber nach..! Die meisten Eltern geniessen es, zusammen mit den Kindern zu lernen und es gibt auch Wege, wie man bei den schwierigeren Fächern Hilfe holen kann.
  4. Ich kann es mir nicht leisten. Die meisten Homeschool-Familien leben von einem Lohn, doch das ist nicht für alle Familien so. Manche Homeschool Eltern arbeiten von zu Hause aus oder können es so arrangieren, dass sie trotzdem Teilzeit arbeiten können. Es braucht sicher gewisse Kreativität, doch auch alleinerziehende Eltern können ihre Kinder zu Hause unterrichten und Homeschooling ist auch möglich, wenn beide Eltern auswärts arbeiten.
  5. Ich könnte nie den ganzen Tag mit meinen Kindern zusammen sein. Autsch. Ich denke die meisten Eltern, die dies sagen, sind es sich gewöhnt, nur abends mit ihren Kindern zusammen zu sein, nachdem alle von der Arbeit, der Tagesschule oder der Kita zurück gekommen und müde und schlecht gelaunt sind. Ja, es braucht am Anfang vielleicht etwas Zeit, doch man kann sich daran gewöhnen, den ganzen Tag mit Kindern zusammen zu sein, vor allem, wenn es die eigenen Kinder sind, die man ja eigentlich ganz fest lieb hat. Wir können einander geniessen, wenn wir uns gut fühlen, nicht nur wenn wir müde und schlecht gelaunt sind.
  6. Meine Kinder müssen lernen, in der realen Welt zu leben. Die Schule ist aber nicht die reale Welt. Das ist einfach so. Wo in der Welt ist man denn viele Stunden lang zusammen mit Gleichaltrigen abgeschottet von der Umwelt? Viele Homeschool-Kinder verbringen viel Zeit in der Gesellschaft, sei es im Sportverein, in der Musikschule, im Theaterclub usw. Sie interagieren mit ganz verschiedenen Menschen in der realen Welt. Die meisten Homeschool-Kinder sind am Ende der Schulzeit genau so gut oder sogar noch besser auf die reale Welt vorbereitet wie Schulkinder.
  7. Mein Kind muss lernen, mit Stress umzugehen. Wenn wir einen jungen Baum pflanzen, schützen wir ihn auch zuerst vor Umwelteinflüssen und Schädlingen. Erst wenn der Baum gross und stark genug ist, um Umwelteinflüssen zu widerstehen, schützen wir ihn nicht mehr. Warum müssen also unsere Kindergärtler oder Erst- und Zweitklässler bereist lernen, mit Stress umzugehen, wenn sie dafür noch viel zu jung sind? Warum können wir sie nicht zuerst stärken, ein gesundes Selbstbewusstsein mitgeben, helfen, Stressbewältigungsstrategien zu entwickeln, ehe sie dem ungesunden Stress in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt werden?
  8. Mein Kind hat besondere Bedürfnisse. Viele Eltern haben Angst, dass sie den besonderen Bedürfnissen ihres Kindes nicht gerecht werden können. Doch die Tatsache ist, dass Homeschooling vielleicht sogar die idealste Option für ein Kind mit besonderen Bedürfnissen ist! Das Kind bekommt individuelle Aufmerksamkeit, es kann gemäss seinen Stärken und seinem Charakter unterrichtet werden, Schwächen können ganz bewusst trainiert und verbessert werden.
  9. Ich möchte nicht, dass mein Kind etwas verpasst. Auch Homeschool-Kinder haben ganz viele verschiedene Möglichkeiten, an Aktivitäten und sozialen Anlässen teilzunehmen. Es gibt immer mehr Homeschool-Treffen und gemeinsame Exkursionen und mit etwas Kreativität kann das Kind alles oder ganz sicher das meiste Positive erleben, das Schulkinder erleben.
  10. Ich möchte, dass mein Kind mal zur Universität geht. Auch Homeschool-Kinder können später mal ans Gymnasium wechseln (braucht dann einfach eine Aufnahmeprüfung) oder während oder nach der Lehre eine Berufsmatura machen. Sicher in der Schweiz stehen auch einem Homeschool-Kind alle Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten offen. Theoretisch ist es sogar möglich, den Stoff des Gymnasiums zu Hause zu erlernen und sich unabhängig an einer Maturaprüfung zu registrieren.

Ich glaube nicht, dass alle Eltern auf dieser Welt homeschoolen sollten. Du musst das tun, was für deine Familie stimmt. Doch lass es nicht zu, dass deine Ängste dich davon abhalten, deine Kinder zu Hause zu unterrichten, wenn du das gerne möchtest.

Gibt es andere Ängste, die dich davon zurückhalten, deine Kinder zu Hause zu unterrichten? Wenn du bereits homeschoolst, was waren deine Ängste am Anfang?

4 Kommentare

  1. Hey T.S. so ein treffender Beitrag! Leider kann ich von mir noch nicht behaupten, dass ich alle Ängste hinter mir gelassen habe. Aber ich arbeite daran und genau solche Beiträge helfen enorm. Die Angst, dass den eigenen Kindern dann mal was fehlt – und ich bin Schuld!, die steckt tief und ich werde halt auch manchmal damit konfrontiert von aussen. Aber es tut gut, alles mal so auf einen Blick zu haben. Vielen Dank!

    Gerade haben unsere 4 Kids (9, 10, 12, 13J.) einen Sack bekommen mit 4 verschiedenen Päckli Schleckzeug. Der Jüngste kam mit dem Sack und fragte mich, ob er dieses Päckli haben könne. Ich sagte ihm, dass er das mit seinen Geschwistern klären müsse, da es 4 verschiedene hatte. Er trommelte alle zusammen und dann ging die Diskussion los. Ich hörte vom Büro aus zu. Und ich staunte, wie sie stritten, Lösungen brachten, rangen und schlussendlich alle 4 zufrieden mit der Lösung wieder spielen gingen:). Das ist Schule!

    Liebe Grüsse Vropfi

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    • Haha! Das ist echte Lebensschule! Keine Angst, das kommt schon noch und sonst rede mal wieder mit denen, deren Kinder bereits in einer Lehre usw. sind nach dem Homeschooling! 😉

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