Evelins Homeschool Tag im Leben mit einem 10-Jährigen

Gerne möchte ich auf diesem Blog verschiedene Homeschool-Familien zu Wort kommen lassen, die aus ihrem Alltag erzählen. Heute erzählt uns eine alleinerziehende, arbeitende Mutter über einen typischen Homeschool-Tag mit ihrem Sohn. Offiziell ist er in der 3. Klasse, und da er von Anfang an zu Hause gebildet wurde, ist dies ihr fünftes Homeschool-Jahr.

Ein typischer, eher unspektakulärer Homeschool-Tag aus Sicht einer arbeitenden, alleinerziehenden Mutter

Am Morgen

Ich starte am Morgen um 5:00 Uhr, gewöhnlich kocht meine Bialetti einen Kaffee, dann einen zweiten, irgendwann einen dritten. Dazwischen finde ich Zeit, Mails, PNs, SMS zu beantworten, die neuesten Fotos meiner Klienten zu betrachten und für FB. Diese Zeit am Morgen brauche ich für mich, ich plane den Tag, denn eventuell kommt doch noch ein Hausbesuch dazu oder wir müssen an diesem Tag dringend zum Arzt …

Dann lese ich in einem Buch, diese Angewohnheit ist mittlerweile sehr wichtig für mich, tagsüber läuft hier so viel, dass ich für diese Ruhe am Morgen dankbar bin.

Zwischen 6 und 7 wecke ich meinen Sohn, mit 6 Jahren mutierte er zum Langschläfer, das frühe Aufstehen wie zu Kita-Zeiten…es ist weg… Eine warme Schokolade und viel Zeit später können wir dann kommunizieren, wir beide mögen keine Gespräche direkt nach dem Aufstehen, keine Musik, nichts.

Vom Abend zuvor abhängend starten wir zwischen 7:30 und 8:30 mit dem Unterricht – an «normalen» Tagen ohne Ausflüge, Lern-Dates, etc.

Aktuell sind noch 2 Stunden strukturierter Unterricht vorgeschrieben, ab Herbst werden es dann 3 Stunden im Aargau sein (es gibt eine neue Auflage vom Kanton).

Gewöhnlich beginnen wir mit Mathematik (ich habe die nächste Tasse Kaffee), im Laufe der Jahre fanden wir heraus, dass dies die beste Zeit dafür für uns ist. Nachdem Söhnchen die 4. Klasse Mathematik beendet hat, sollen wir nicht zu schnell vorgehen, da er offiziell noch in der 3. Klasse ist. Die Stundenzahl wird aber ab nächstem Schuljahr erhöht (puh, ich schätze, ich werde noch herausfinden, wie ich bremse…) und deshalb bearbeitet er nun diverse Lehrmittel nach Wunsch: Geometrie, Sachaufgaben, Programmieren mit Scratch, ein paar zusätzliche Lehrmittel zum Wiederholen und Üben. Wir arbeiten nicht nach strikten Zeiten, braucht er für eine Aufgabe mehr Zeit (z.B. schriftliche Division) ist uns das egal.

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Deutsch: Lieblingsfach, denn hier kann Junior zu Beginn eine Zeitlang lesen (unsere Bibliothek ist gross, eher riesig.), während ich mir noch einen Kaffee mache und ein bisschen Obst aufschneide. Da er die 4. Klasse schon bearbeitet hat, lernt er mit einem anderen Lehrmittel, welches optisch «viel schöner» aussieht: kindlicher, bunter (ach wir lieben Tinto!). Leider müssen wir uns für die 5. Klasse etwas Neues suchen, Tinto stoppt nach der 4. Klasse. Aktuelle Themen sind die 4 Fälle, das Bearbeiten von Sachtexten, ab und zu schreibt mein Sohn auch eine Zusammenfassung. Schreiben ist absolut kein Favorit, ich versuche das etwas angenehmer zu gestalten mit dem Wechsel von Farben, verschiedenen Stiftformen, manchmal nimmt er auch den Laptop. Obwohl die Stifthaltung korrekt ist, und er Deutsch liebt, das Schreiben wird wohl immer eine Herausforderung bleiben. Also beherzige ich die Worte des Schulinspektors: « Er hat eine sehr gute Rechtschreibung, eine sehr gute Grammatik, kann sich sehr gut ausdrücken, akzeptieren wir doch die nur befriedigende Schrift.» Das MUSS der unterrichtende Elternteil lernen, auch wenn wir mit strengeren Augen durch unsere Umwelt beobachtet werden.

Realien: Da sind wir recht frei, Thema im Moment ist Mobilität. Magnetismus und Wald haben wir abgeschlossen. Das Thema Wasser (mit vielen Experimenten) unterbrochen, das greifen wir in der 4. Klasse wieder auf. Heute ging es um das Thema Umwelt und Verkehr.

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Englisch/Französisch: Mit Rosetta Stone arbeitet Junior selbständig, er entscheidet selbst, wie lange er mit dem Programm arbeitet. Da er alle Super Bus-Hefte bereits zu Beginn des 3. Schuljahres bearbeitet hat, suchten wir eine Herausforderung: Cambridge-Lehrmittel zur Vorbereitung auf die KET Prüfung. Es macht Spass und ist gut aufgebaut. Für noch mehr Spass arbeitet er mit den Englisch-Stars und liest englischsprachige Bücher (Tom Sawyer, The Three Musketeers, The Man In The Iron Mask, L.A. Detective, Huckleberry Finn, etc.), die es in verschiedenen Levels gibt. Heissgeliebt, jeden Monat kommt einer der Letters from Afar, den er liest. Ich trinke den nächsten Kaffee und denke, ich muss an meinem Kaffeekonsum arbeiten.

Ethik/Musik/Gestalten: Montags bearbeitet mein Sohn ein Ethik-Thema, meist nach Wunsch. Dienstags und mittwochs hat er Musik, einmal davon geht er in den Keyboardunterricht am Vormittag. Donnerstags und freitags darf er sich im bildnerischen und textilen Gestalten kreativ betätigen. Fast jeden Samstag findet das Schülerwerken statt, dort können Schulkinder ihre eigenen Projektideen verwirklichen.

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Sport: Mein Sohn liebt Karate, er ist bei jedem Cup dabei. 2x die Woche finden Jugi und Geräteturnen statt. Leider wurde das Hiphop Boys von der Tanzschule gestrichen, da es zu wenige Buben waren. Für ihn brach eine Welt zusammen, er liebte es, möchte aber ungern mit den Mädchen tanzen. Wir hoffen, irgendwo wieder eine Gruppe zu finden.

Programmieren: Ab und zu geht mein Kind in den Programmierkurs. Scratch, Makey Makey und Lego Mindstorms machen viel Spass.

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An den meisten Tagen ist er um 10:00/10:30 mit den Hauptfächern fertig. Selbständig gelöste Aufgaben kontrolliere ich meist direkt danach; Fehler werden am nächsten Tag besprochen, WENN es notwendig ist. Im 1:1 Unterricht weiss ich sehr genau, ob er ein Thema verstanden hat oder nicht. Tests brauchen wir deshalb nicht. Ich muss ja auch nicht den Stand von 25-30 Kindern in einer Klasse beurteilen. Das wäre viel, viel schwieriger. Ab und an macht er eine Lernstandserfassung im Unterricht, den ich online finde, oder einen Test aus Prüfungsheften, das aber nur, um ihn an Tests heranzuführen, falls dies irgendwann im Aargau erforderlich sein sollte.

Nachmittag

Je nach Kinderzimmerzustand übe ich sanften Druck aus, damit er sein Zimmer aufräumt, manchmal kochen und putzen wir kurz zusammen. Während dem Mittagessen schauen wir oft am Laptop eine Doku auf Youtube. Danach ist er frei zu tun, was er will. Seine Freunde kommen dann vorbei oder er geht hin.

Ab und zu erscheint mal ein Kind mit Hunger in der Tür, schnappt sich etwas zum Essen und verschwindet wieder.

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Abend

Am Abend kommt er nach Hause und macht sich selbständig für den Sport fertig. Dann gibt es Abendessen und meist liegt das Kind zwischen 20 und 21 Uhr im Bett, ich gehe dann um 23 Uhr ins Bett.

Warum ist Homeschooling perfekt für uns:

  • Viel mehr Freizeit.
  • Viel mehr Aktivitäten, ohne zu viel zu machen.
  • Viel mehr freies Spiel, draussen, mit Freunden.
  • Selbständigeres Lernen.
  • Lernen nach Kind, schnelleres oder langsameres Vorgehen.
  • Flexibilität
  • Sozialisierung im Leben mit Menschen jeden Alters, nicht in einem abgeschlossenen Raum mit Gleichaltrigen.
  • Teilnahme am Leben, nicht Ausschluss aus dem Leben.
  • Kein Nacharbeiten in der Rekonvaleszenz nach Krankheit

Nachteile:

  • Das Umfeld ist neugierig. Sehr neugierig. Das Kind wird anfangs getestet, auch von neuen Freunden. «Hey, kannst du rechnen und schreiben?»
  • Finanzielle Einschränkungen und Unsicherheit durch Selbständigkeit.
  • Ständig wachsende Bibliothek, Anbauen geht nicht in einer Mietwohnung.
  • Das Homeschool-Zimmer wurde zu einer Homeschool-Wohnung.
  • Verantwortung der Bildung liegt ausschliesslich bei den Eltern.

Evelin hat eine eigene Facebook Seite, wo sie immer wieder über ihren Alltag erzählt.

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