Homeschooling bedeutet nicht soziale Isolation

Heute schreibe mal nicht ich, sondern eine liebe Homeschool-Freundin von mir. Sandra ist routinierte Homeschool-Mama von vier Kindern zwischen 11 und 15 Jahren. Im Zusammenhang mit der momentanen Situation liegt ihr etwas am Herzen:

In Foren und Zeitungen, Radio etc. ist zunehmend von Homeschooling die Rede, das jetzt von allen gemacht wird. Meine Gedanken dazu sind die folgenden:

Was jetzt den Tagesablauf der Schüler bestimmt ist NICHT Homeschooling. Es ist staatlich verordneter Fernunterricht. Wichtig ist dieses Auseinanderhalten deshalb, weil mich stört, wenn Homeschooling jetzt WIEDER falsch interpretiert wird.

Homeschooling bedeutet nicht soziale Isolation, es werden keine Aufgaben von Lehrern zugeschickt, die in einer festgelegten Frist bearbeitet und zur Begutachtung zurück geschickt werden müssen (momentan noch unterschiedlich geregelt in den Kantonen und auch Schulen).

Homeschooling ist ein freiwillig gewähltes Miteinander von Eltern und Kindern. Es wird auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen, man kann sich Zeit nehmen, bis ein Thema sitzt, vorpreschen wo das Kind es sofort „checkt“, Fächer einbauen, die der Lehrplan nicht vorsieht. Bei uns war das zum Beispiel Latein in der 5. Klasse für die sprachbegabte älteste Tochter und Englisch C1 Diplom in der 8. Klasse. Wirtschaft und Politik schon tief in der Primarschule bei unserem Sohn und Französisch ab der 5. für die jüngeren Mädchen. Dafür auch elend lange, bis das Einmaleins sitzt oder generell mehr Wiederholung in Mathe, wenn es nötig ist. Keine Logopädie und andere Massnahmen, obwohl die Aussprache nicht immer der „Norm“ entsprochen hat, dafür Zeit für das Kind und seine persönliche Entwicklung.

Homeschooling bedeutet auch oft lernen ausser Haus und mit vielen anderen Homeschoolern zusammen. Letzten Montag wären wir im Technorama gewesen, nächsten Samstag wäre eine Mitgliederversammlung des Vereins Bildung zu Hause, im Mai wären wir mit den Homeschoolern der Abschlussklasse und ihren Familien im Europapark gewesen und im Juni ist die Projektwoche vorgesehen. Man trifft seine Freunde, oft in der ganzen Schweiz verteilt, nicht kurz am Nachmittag, sondern seltener, aber dafür meist gleich als Feriengast über mehrere Tage.

Vielleicht machen einige von euch jetzt die Erfahrung, dass es euren Kindern gut tut, eine Weile Zeit zu haben, zu sich zu kommen, Interessen zu entwickeln, für die sie sonst keine Zeit finden, das wäre dann der Geist des Homeschoolings.

Es gibt Kinder, die sich während der Schulzeit „dank“ Gruppendruck selbst verlieren. Vielleicht machen einige von euch jetzt die Erfahrung, dass es euren Kindern gut tut, eine Weile Zeit zu haben, zu sich zu kommen, Interessen zu entwickeln, für die sie sonst keine Zeit finden, das wäre dann der Geist des Homeschoolings. Vielleicht erlebt ihr die Zeit aber auch als Stress und Druck, weil die Kinder nicht einsehen, von zu Hause aus „Schule machen“ zu müssen. Dann seid zuversichtlich, dass eure Kinder nicht verdummen, weil sie mal für ein paar Wochen nicht die Schule im Vordergrund haben. Seid euch bewusst, dass ihr keine Homeschooler seid, die sich mittels Vereinbarung verpflichten müssen, den Lehrplan zu kennen und einzuhalten. Es braucht Zeit, sich mit der neuen Situation zurecht zu finden, für Kinder und Eltern, die sehr wahrscheinlich auch noch Homeoffice machen müssen. Das ergibt keine entspannte Situation, die mit Homeschooling vergleichbar ist. Es sind nicht die Voraussetzungen gegeben, um Homeschooling zu schnuppern.

Wichtig finde ich, jetzt einen Rhythmus zu haben. Wir stehen zum Beispiel immer um sieben Uhr auf und arbeiten bis am Mittag. Der Nachmittag ist frei und kann für die wahren Interessen😎 genutzt werden. Handynutzung ist auf eine Stunde begrenzt. Beim Stundenplan dürfen sie mitreden und der wird bei Bedarf auch angepasst. So wissen alle, was Sache ist und es gibt keine disziplinarischen Probleme.

Die Klassen werden sich so oder so wieder neu finden müssen, wenn es wieder los geht und es wird klappen!

6 Kommentare

  1. Ja, ein Punkt stimmt davon – es ist kein entspanntes Homeschooling, wie ihr es praktizieren könnt.
    Ich jongliere zwei Jobs (total 50%), wovon ich 40% in einer neu fix definierten Schicht extern von 6-13h absolvieren muss – ohne Pause durch zwei Tage die Woche (mit Pech wird es ausgedehnt, denn ab heute vergeben wir Notkredite in 30 Minuten! gem. Bundesrat).
    Meine Mädels sind 7&5, also mit Primar und KiGa zwei völlig unterschiedliche Wochenpläne, die wir erfüllen müssen. Papa muss Homeoffice, aber gerne weiter die realistischen mehr als 100%.
    Kurz und gut – ich laufe nach Woche 1 schon auf dem Zahnfleisch und ich sage euch was es genau nicht braucht – solche Artikel, wo sich jetzt wer „getüpft“ fühlt wegen ein bisschen Wortwahl – wenn ich das jetzt „homeschooling„ nenne, weil ich meinem Chef erklären muss, dass ich stündlich zu Hause anrufen muss, um den Kids Aufgaben zu geben und zu gucken obs ihnen noch gut geht – dann lasst mich – Belehrungen von uns anderen, die nicht die Freiheit haben einfach den ganzem Tag mit den Kids zu machen wie es gerade passt (auch und gerade nicht jetzt wo das vorgegebene Schulprogramm neben Job zu laufen hat), sondern neu einen 16 Stunden fremdbestimmten Tag wuppen sind zur Zeit einfach fehl am Platz.

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    • Liebe S.K., es tut mir so leid zu hören, dass diese ganze Situation mit Home-Office und Arbeit und den Schulaufgaben so einen gewaltigen Stress und Ärger bei euch auslöst. Das ist ja auch genau der Grund, weshalb ich in meinem Artikel am 14. März an die Schulen plädiert habe, den Stress, den die Eltern haben, nicht noch zu vergrössern mit allen Schulaufgaben. Mein Herz fühlt mit euch, und ich wünschte, die Arbeitgeber und die Schulen würden einsehen, dass dies für alle eine unglaublich belastende Situation ist und deshalb mit Nachsicht angegangen werden muss und nicht mit Leistungsdruck. Deine zwei Mädels sollten eigentlich in dieser Situation gar keine Wochenpläne haben in ihrem Alter und würden auch sonst, in ihrem Spiel und mit freiwilligem Lernen der Buchstaben und Zahlen, genug lernen!!
      Mit allem Verständnis für eure sehr schwierige Situation, bitte ich dich aber auch um Verständnis für unsere Situation. Wir sind (noch) eine Randbewegung. Wir werden konstant im Alltag mit Vorurteilen konfrontiert. Auch jetzt. Wir hören persönlich viele Kommentare, dass Eltern mit diesem „Homeschooling“ an den Anschlag kommen und wie du sagst, „auf dem Zahnfleisch laufen.“ Deswegen ist es uns ein Anliegen ganz klar zu differenzieren zwischen Homeschooling im klassischen Sinn und den Fernunterricht, den ihr absolvieren müsst. Wie die Autorin im Gastbeitrag sagt, wir möchten vermeiden, dass wir WIEDER falsch interpretiert werden. Es ist kein Angriff und auch kein „getüpft fühlen“, wie du es nennst, sondern ein Abgrenzen, damit sich dies hoffentlich in Zukunft nicht negativ auf das Homeschooling in der Schweiz und in den anderen deutschsprachigen Ländern auswirkt. Das ist unser einziges Anliegen mit diesem Artikel.
      Nebenbei versuchen wir euch Familien, die unfreiwillig zu „Homeschoolern“ geworden sind, mit Rat und Tat beizustehen, falls ihr dies von uns wünscht. Auch wenn die Umstände nicht ganz zu vergleichen sind, so haben wir doch viel Erfahrung im Umsetzen einer Tagesstruktur, im Motivieren von unmotivierten Kindern und im Heraussuchen verschiedener geeigneter Hilfsmittel, auf Papier oder online.
      Euch wünschen wir viel Kraft und auch den Mut, sich dem Druck zu widersetzen.

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  2. Herzlichen Dank für die Klarstellung – ich hoffe, dass sie möglichst viele „Fernunterrichtler“ erreicht. Die Krisensituation jetzt ist tatsächlich nicht vergleichbar, aber sie wird doch sehr viele Eltern dazu veranlassen, sich endlich mal ernsthaft mit unserm Schulsystem und Alternativen dazu – wie eben Homeschooling – auseinanderzusetzen.

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  3. Danke für den Beitrag über „Homeschooling“. – Ich denke in jeder „Krise“ steckt eine Chance. – Ich persönlich habe den Eindruck mein Leben und das meiner Umgebung entschleunigt sich gerade und ….das schöne… bei Allen zeitgleich 🙂 Die Zeit Dinge zu erledigen und nicht das Gefühl zu haben man müsste doch noch dieses und jenes tun, da und dorthin gehen, sich mit jemanden treffen und und und…. Ich glaube zuhause können unsere Kinder ebenso sehr viel gemeinsam mit uns Eltern lernen. Ausserdem schadet es auch nicht sich hin und wieder zu langweilen da gibt es auch wieder Platz für Phantasie und Kreativität. Ich wünsche Allen eine gute Zeit und tolle neue Ideen die umgesetzt werden können.

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    • Ja, das sehe ich genau gleich, liebe Ulrike! Ich weiss aber, dass es für viele leider auch eine besonders stressige Zeit ist mit Home-Office und dem Fernunterricht der Kinder. Das ist sicher auch nicht zu unterschätzen, leider. Wenn Arbeitgeber und Schulen nicht auch etwas Nachsicht haben…

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