Warum ich meinen Teenagern immer noch gerne vorlese

Ich habe meinen Kindern immer schon sehr gerne vorgelesen. Als waschechte Bücherratte mochte ich nichts mehr als meine Liebe für Geschichten mit meinen Kindern zu teilen. Ich liebte es, mit ihnen in Welten, Figuren und Abenteuer einzutauchen. Ihre Nähe zu spüren. Ihre aufmerksamen Gesichter zu sehen und ihr Lachen zu hören, wenn ich meine Stimme verstellte oder eine lustige Szene im Buch vorlas.

Mittlerweile ist unsere Tochter dreizehn. Sie verschlingt jetzt selber dicke Bücher und erzählt mir immer wieder gerne über die Darsteller und ihre Herausforderungen in ihren Büchern. Auch hört sie sehr gerne Hörbücher. Jedoch schätzen wir es beide nach wie vor, wenn ich ihr vorlese. Warum das so ist, wie wir das machen und was wir gerne zusammen lesen, möchte ich euch in diesem Beitrag gerne erzählen.

Vorlesen ist ein Geschenk der Zeit und der Stimme. Dieses Geschenk möchte ich auch meinen Teenagern geben – erst recht meinen Teenagern! Die Pubertät ist eine turbulente Zeit. Die Jugendlichen fühlen sich nicht mehr wie Kinder, sind aber auch noch nicht erwachsen. Die meisten sind mit dieser Phase ziemlich überfordert und möchten manchmal am liebsten für eine kurze Zeit einfach wieder Kind sein dürfen. Wenn ich ihnen vorlese, schenke ich ihnen diese Möglichkeit. Für fünfzehn oder dreissig Minuten können sie wieder Kind sein und ohne Anstrengung in eine andere Welt eintrauchen. Nicht alleine, sondern mit mir. Das ist für viele Teenager eine wunderbare Erfahrung. Auch wenn sie das vielleicht nie zugeben würden!

Vorlesen ist ein Geschenk der Zeit und der Stimme.

Wenn ich vorlese, verbringen wir eine entspannte, angenehme halbe Stunde zusammen, ohne Stress, ohne Druck, ohne Streit. Am liebsten lese ich den Kindern vor, wenn sie am Frühstückstisch sitzen und essen. Ich frühstücke schon vorher und bereite alles für sie vor. Dies hilft ihnen auch, aus dem Bett zu kommen. Sie wissen, dass das Frühstück und Mama mit einem guten Buch auf sie wartet. Es muss am Morgen nicht gross geredet und diskutiert werden, dazu sind sie meistens eh nicht so in der Stimmung. Das Buch hilft beim Aufwachen. Wir fühlen uns am Morgen früh miteinander verbunden. Oftmals wird anschliessend beim gemeinsamen Aufräumen des Frühstücks noch über die Geschichte diskutiert. Danach gehen die Kinder in ihr Zimmer und machen sich für den Tag bereit. Meistens hat das Buch geholfen, allfällige schlechte Launen wegzublasen. Ihr wisst ja, nach dem Lesen bleibt man ja meist in Gedanken noch ein wenig länger bei der Geschichte.

Manchmal kommt es auch vor, dass wir mehr Zeit haben und uns nach dem Frühstück für eine etwas längere Vorlesezeit als üblich auf das Sofa zurückziehen. Dann holen die Jugendlichen die Tagesdecken hervor und machen es sich in ihren Pijamas neben mir gemütlich und kuscheln mit unserem Hund. So wie früher halt. Ein bisschen Frieden in der turbulenten Pubertät.

So haben wir uns schon durch die ganze Chroniken von Narnia-Serie gelesen (von C.S. Lewis). Sonst noch empfehlenswert sind die Serien von Herr der Ringe (von J.R.R. Tolkien), Eragon (von Christopher Paolini) oder Percy Jackson (von Rick Riordan). Das sind alles spannende Fantasie- und Abenteuerbücher.

Ich wähle fast immer Bücher, die die Kinder nicht unbedingt eh selber gerne lesen würden. Klassiker zum Beispiel haben eine reiche Sprache und sind vielleicht etwas komplizierter geschrieben – perfekt also zum Vorlesen! Für Teenie-Mädchen zum Beispiel Little Women von Louisa May Alcott, die Anne auf Green Gables Serie von Lucy Maud Montgomery oder die Bücher von Jane Austen (Emma, Stolz und Vorurteil). Für Jungs und Mädchen sind auch die Bücher von Sir Arthur Conan Doyle (Sherlock Holmes) geeignet oder Die Schweizerische Robinson (von Johann David Wyss) und Die Schatzinsel (von Robert Louis Stevenson).

Auch Biografien gehören zu meinen Lieblingsvorlesebüchern: über William Shakespeare, Isaac Newton, Jeanne D’Arc oder auch über berühmte, moderne Menschen wie Nelson Mandela, Michelle Obama oder Malala Yousafzai. Zusammen schaffen wir auch eher schwierigere, klassische Bücher zum Beispiel von Shakespeare, Goethe oder die griechischen Mythen. Auch Bücher, die vom Thema her eher schwierig sind, wie Bücher über Rassismus (The Hate U Give von Angie Thomas) oder den zweiten Weltkrieg (Das Tagebuch der Anne Frank oder Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl von Judith Kerr) lesen wir gerne zusammen und diskutieren anschliessend darüber.

Unsere TBR-Liste („To Be Read“ – oder auch „Noch zu lesen“) ist nach wie vor gross. So gross, dass ich hoffe, dass ich meinen Kindern auch noch vorlesen kann/darf, wenn sie in der Lehre sind! Ich weiss, das ist wohl wenig realistisch, wenn dann alle einen anderen Tagesablauf hat. Aber vielleicht finden wir dann ja mal ein neues Ritual. Vielleicht setzen wir uns dann alle an einem Sonntag Abend aufs Sofa und lesen ein Buch zusammen. Vielleicht. Ich hoffe es. Und sonst freue ich mich schon jetzt auf die Enkelkinder! 😉

2 Kommentare

  1. Guten Morgen

    Ein sehr schöner Artikel! Anregend und inspirierend.

    Habe ihn gerade unseren drei Kinder und meinem Mann vorgelesen…

    Vielen Dank!

    Liebe Grüsse und eine wunderschöne Zeit Raffaela Oberli

    Liken

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